Relaxed, real ace, real grace

2. März 2020 - 11:45 | Martin Schmidt

Die Augsburg-Münchener Indie-Electronica-Folker Das Hobos veröffentlichen mit »Random Home« einen Meilenstein verspult-entspannter Virtuosität. Eine Rezension

»Random Home« startet mit cloudrap-souligen Autotune-Vocals über Country-Gitarre, fällt im Track um in verzerrte Indie-Rappel-Drums, um dann als auditiver Sonnenuntergang aus entspannter Mundharmonika und bauchigem Unterwasserbass zu verhallen. Was folgt, klingt wie eine entspannt-großartige Verabredung von The Notwist und (frühem) Beck. Zarte Kiffer-Melancholie kritzelt drei große Buchstaben POP auf die Ledersessel in der nur knapp beleuchteten Räucherstäbchen-Lounge. So elegant bedüppelt, so virtuos angetrunken war schon lange niemand mehr. Und das ohne zu sehr stilversauendes Torkeln, aber eben mit stilprägendem Im-Straßengraben-Liegen aka Carpe relaxment, Man!. »Random Home« von Das Hobos (Augsburg/München) ist 30 Minuten pure bliss, ist sieben Tracks verschlurfte Lässigkeit.

Das Hobos führen Lo-Fi und Hi-Fi zusammen, Electronica und Analoges, das Ergebnis ist Beergazer und clubbiger Kopfnicker, ist vernebelt und sexy zugleich. Diese musikalische Relax-Station aus Blues-Feeling, Dub, Samples, Ambient und Electronica-Folk zusammengebastelt haben die drei Hobos Leo »Leroy« Hopfinger, Tom Simonetti und Frank Nägele kongenial in geil produktionstechnischer Raffinesse. Klebstoff dabei scheint nicht Uhu, sondern das Hirnwasser von Produzent Leo Hopfinger zu sein. Er ist auch an Gesang, Gitarre und Mundharmonika; Simonetti an Schlagzeug und Elektronik, Nägele an Gitarre, Gitarresynthesizer und Bass. Hopfinger und Simonetti kennen wir auch von Rhytm Police und H.

»Discover« – das ist der Ohrwurm, die erste Single, vorgezogener Sommerhit. Bei »Treehouse« schält sich aus Mystic Psychedelic Dingsbums ein Indie-Song mit einer Glasaugenblick-Ian-Brown-Stimme am Gesang. Und zerfällt dann wie ein Skelett in Soundknochen aus Faxgeräusch und Fiepgitarre. »Circle Square« ist dubbiger Atmosphären-Taucher, mit Jazz-Touch, Jam-Figuren, experimentellem Impro. Das ganze Album ein virtuoses Zusammendenken von analog und digital, ein – gibt’s das? – warmer Musikflickenmantel aus Coolness. Dazu gratis: krude, verspielte Ecletronica, Hundebellen, Folk, Knistern, immer wieder Mundharmonika, Beats, Sprachsamples, subtile Arrangements.

Der Schlusstrack »Invisible« kann es sich leisten, mit einem dreieinhalb-minütigem verrauschten Field Recording (Gleiskörper-Ambiente → Hobos → heimatlose Streuner, ha!) zu enden. Abgelöst vom Knistern der Leerrille der real aufliegenden Schallplatte. Das Album »Random Home« hat nur 30 Minuten, aber in Brillanz. Sieben Tracks high quality time in Reinform. No fillers, all killers!

Das Hobos präsentieren ihr Album live am Donnerstag, 5. März, im Grandhotel Cosmopolis (Souterrain, 21 Uhr).
Den Track »Discover« gibt es auf der Spotify-Playlist Frühling 2020 von a3kultur zu hören.

»Random Home« ist erhältlich als Vinyl (Schamoni Records) und im digitalen Download/Streaming.

Bild: Das Hobos, Live-Impression. Foto: Sus Sutherland.

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