Revival der Autokinos

1. Juni 2020 - 7:05 | Marion Buk-Kluger

Das Messeflimmern in Augsburg sowie die Autokinos in Gersthofen und Dillingen ermöglichen ein Retro-Film-Erlebnis und Liveauftritte.

In Deutschland lag die Blütezeit des Autokinos zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren. Dann wurde es still um die 1933 in den USA erstmals gebotene Outdoor-Lichtspielpräsentation. Bundesweit wurden zwischen dem Beginn der Corona-Krise und dem 18. April 2020 nun allerdings mindestens 120 Anträge auf Zuteilung von UKW-Frequenzen für die Tonübertragung für ein Autokino gestellt. Die Möglichkeit in einem Popup-Cinema trotz der aktuellen Beschränkungen, den Cineasten Kinospaß zu ermöglichen, haben einige Kinobetreiber in der Region ergriffen. Den passend großen Parkplatz, der leer steht, da in den Hallen nichts stattfinden kann, hat etwa die Messe Augsburg. Zusammen mit Franz Fischer und Ellen Gratza (ARB Kino GmbH, Kinodreieck Augsburg) sowie Erwin Kistler und Maria Löffler und deren Tochter Nadine Kistler-Engelmann (Konzertbüro Augsburg) werden ab dem 9. Juni Filme gezeigt. Aber auch Kabarettisten, Comedians und Musiker werden live auftreten. Dabei agieren sie auf einer Bühne beim Messeflimmern, übertragen auf die zwei jeweils über 300 Quadratmeter großen Leinwände.

Bereits Ende Mai startete das Autokino Gersthofen auf dem Festplatz, das unter dem Motto »Motoren aus – Film an!« von Daniela Bergauer und Michael Hehl (Liliom) durchgeführt wird. Als erste aus der Region hatte jedoch Claudia Mayr vom Filmcenter Dillingen am dortigen Volksfestplatz am 20. Mai ihre Autokino-Variante eröffnet. »›Dillingen zieht an‹ ist nicht nur ein Slogan, sondern Programm, dank der Hilfe der Sponsoren und des Landratsamtes ging alles so rasch und wir können seither für ca. 120 Autos, auch Cabrios, spielen«, freut sie sich.

Ein Abend im Autokino Dillingen

Wie bei den Kollegen sind die Tickets ebenso bei Claudia Mayr nur online buchbar. Mit dem QR-Code (ausgedruckt oder auf dem Smartphone) geht es für mich zur Autokino-Premiere. Dort weist uns das Sicherheitspersonal den Standplatz zu. Da »Das perfekte Geheimnis« erst bei Einbruch der Dämmerung beginnt, heißt es jetzt warten. Im Gegensatz zum Freiluftkino, wo man diese Zeit mit Getränke holen, Beine vertreten und ähnlichem verbringen konnte (auch bei diesen Angeboten wird es nun Einschränkungen geben), ist im Auto sitzen angesagt. Denn das Verlassen desselbigen ist maximal zum Toilettengang erlaubt, mit Maske versteht sich. Irgendwie fühlt sich das an wie im Stau auf der Autobahn stehen, vorne, hinten, links und rechts parken andere Fahrzeuge, nichts rührt sich, man selbst mittendrin. Wenigstens läuft bereits die nötige UKW-Frequenz mit Musik, nur unterbrochen von Durchsagen mit den Verhaltensregeln.

Als dann der Film beginnt, ist der Blick auf die Leinwand optimal, das Sounderlebnis natürlich abhängig vom jeweiligen Audiosystem und den Lautsprechern. Ob die mit besserer Qualität allerdings die der derzeit gängigen Soundsysteme in den Kinos erreichen können? Im Laufe des Filmes wird das Sitzen dann schon etwas anstrengend, die Beinfreiheit ist beschränkt, hängt natürlich wiederum vom Automodell ab. Zudem fehlen die kollektiven Gefühlsausbrüche, das gemeinsame Lachen im Kinosaal bei lustigen Szenen. Man amüsiert sich eben nur zu zweit (wer genau in einem Auto sitzen darf, sollte man auf den jeweiligen Seiten der Autokino-Betreiber nachlesen). Es ist eher wie zu Hause auf der eigenen Couch, mit dem Unterschied einer größeren Leinwand und mitunter unbequemerer Sitzhaltung. Am Ende des Streifens kommt dann doch noch das mir bekannte Kino-Feeling auf, denn schon beim Abspann setzen sich die Autos sofort in Bewegung, die Insassen können es nicht erwarten, den »Outdoor-Kinosaal« zu verlassen. Der Mensch ist eben doch ein Gewohnheitstier.

Live-Auftritte beim Messeflimmern

In Dillingen und Gersthofen sind die Autokino-Macher offen für Live-Auftritte von Musikern und Künstlern, oder Messen wie etwa zum Zwecke von Hochzeiten, bei denen das Brautpaar auf der Bühne getraut wird und die Hochzeitsgesellschaft in den Autos wenigstens über die Leinwand dabei sein kann. Beim Augsburger Messeflimmern ist man hier schon weiter: Nadine Kistler-Engelmann und Maria Löffler haben die Zusage von einigen Künstlern, mit denen das Konzertbüro bewährt zusammenarbeitet. Den Auftakt wird am 12. Juni der »Addnfahrer« machen. Die Laufbahn des Komikers begann erst vor wenigen Jahren auf Facebook, er ist es also gewohnt in eine Kamera ohne direkten Kontakt zu Publikum zu sprechen. Dennoch ist der Augsburg-Auftritt für ihn ein Stimmungsbarometer sowie ein Test, ob weitere Autokino-Termine für ihn in Frage kommen, ob er ohne Zuschauer-Reaktionen auf einer Bühne stehen kann. »Es gibt Künstler, die sind sehr introvertiert, da muss man die Scheinwerfer so einstellen, dass sie das Publikum nicht sehen. Und die haben beim Thema Autokino sofort zugesagt«, so Maria Löffler. Und manche erfahrene Kabarettisten wie etwa Sebastian Reich und seine Amanda (13. Juni), Michael Mittermeier (19. Juni) oder Rolf Miller (25. Juli) können sowieso auch ohne Publikumsreaktionen reagieren, da sie wissen wie sie auf der Bühne ankommen. »Sie können ihr Tempo drosseln. Künstler sind eben so unterschiedlich wie alle anderen Menschen auch.«

Was die Temperaturen im Auto anbelangt, haben die Messeflimmern-Veranstalter keine Sorge. Da Kinofilme wie Live-Acts erst nach Sonnenuntergang beginnen können, sind diese dann wohl nicht mehr zu hoch. Das komplette Öffnen der Fenster und womöglich mit weiteren Lockerungen auch die Zulassung von Cabrios stehen in Aussicht. »Wir haben einiges vor. Reaktionen bei Live-Auftritten können via Lichthupe erfolgen. Zudem wollen wir für die Auftretenden Monitore aufstellen und Besucher in ca. 20 Fahrzeugen, die das wollen, mit ihren Reaktionen über deren Handys dem Künstler/der Künstlerin zuspielen.« Es wird einiges auf dem Messeparkplatz angeboten werden, Gespräche mit dem Staatstheater Augsburg über mögliche Übertragungen laufen. »Wir sind für alles offen, es wird ein sehr vielfältiges Programm zusammenkommen«, betont Nadine Kistler-Engelmann. Aktuell stehen die Programmplanungen bis Ende August. »Dann müssen wir sehen, ob man Hallen wieder bespielen darf. Desweiteren dürfen keine etwaigen Messen ausfallen.« Wirtschaftlich rentabel ist es für die Veranstalter ab 400 Besuchern. Zum Messeflimmern können insgesamt 480 Autos kommen.

Weitere Infos und das komplette Programm im Überblick gibt es unter:
Messeflimmern: www.autokino.bayern
Autokino Gersthofen: www.kinoheld.de/kino-gersthofen
Autokino Dillingen: www.filmcenter-dillingen.de

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