Club & Livemusik

Revolution und Popogewackel

Martin Schmidt
10. Januar 2015
Revolution und Popogewackel

Wenn Rock’n’Roll in der Hand von Werbeagenturen ist (und übrigens auch Werbeagenturen in der Hand von »Rock’n’Rollern«), dann bleibt einem nichts anderes mehr übrig, als die Metazeichen-Popbombe Fräulein Brecheisen zu gründen. Konsumhölle und Medienkritik, Diskurs und Popogewackel. Move your ass and your zerkratztes smartphone will follow! Das Spin-off von Augsburgs Postpunk-Punkpost N.i.C.H.t.S 2.0 spielt am Freitag, 16. Januar, im City Club.

Hieß die 2013er-EP von N.I.C.H.T.S 2.0 noch »SMS an alle«, so heißt es wohl jetzt beim aufgekratzten Fräulein Brecheisen »PMS an alle«. Hedonistische Konsumkritik, bis das Blut fließt. Hedonistische Konsumkritik? Ein geiler Widerspruch, mit lässiger Geste eingelöst von dem losen Kollektiv, das den Chef-Sloganisten »Dr. Drexler« (David Jahnke) umgibt – derzeit bestehend aus: Tilman Herpichböhm (Drums), Rene Haderer (Bass), Tom Jahn (Keys), Jan Kiesewetter (Saxophon) und Fräulein B. (Gitarre). Das Line-up bündelt die produktiven Wave-Gesten der 80er, 8-bit-Ästhetik und doppelbödiges Sloganizing zusammen mit funky Krautdisco zu sexy Systemkritik, die man tanzen kann. Das ist intelligenter Polit-Bubblegum im Zickzackschritt, Disco of the conscious ones oder, wie das Fräulein selbst es bezeichnen würde: fuckadelic Dancemusic.

Live wird das, etwas rauer, ein großartiges Mashup aus Denk- und Tanzfiguren. Llesehilfe: Die Goldenen Zitronen und Die Sterne und alle knietief in Disco und Dispo.) Und manchmal klingt das Fräulein sogar wie Fraktus – in bitter: Fraktus, wie sie Maybrit Illner aus deren eigenem Polittalk-Mediensaft löffeln. Und die Grünen sind die neue SPD und die SPD ist die neue CSU und deswegen und überhaupt brauchen wir ein Brecheisen sowie ein Fräulein namens Verstand. Verstanden? Ach so: Das neue Album von Fräulein Brecheisen steht nach dem fuckadelic Studiobesuch Ende 2014 übrigens in den Startlöchern.
soundcloud.com/fr-ulein-brecheisen

Keine Macht für niemand

Also, man muss schon sagen: Zu Fräulein Brecheisens Retro-Zentralangriff auf den Augsburger Kö passt ganz gut, dass wenige Tage vorher die Berliner Politrock-Legenden Ton Steine Scherben (Dienstag, 13. Januar; Musikkantine) und der 80er-Pathos-Plastikpop-Mogul Falco (Freitag, 9. Januar; Parktheater) in der Fuggerstadt aufschlagen. Mancher Leser wird einwenden, dass nicht nur Augsburg, sondern auch Falco tot ist, und er mag zumindest bei Falco recht haben. Deswegen wurde (vermutlich von der fuckadelic Bundesregierung) »Falco – The Show« in die Welt gesetzt. Kann Falco-Imitator Hans-Peter Gill mit dem 80er-Hit »Amadeus« Augsburg endlich in die Mozartstadt verwandeln, die die Brecht-Pax-Fugger-
Luther-Renaissance-Umwelt-Stadt schon immer sein will? »Macht kaputt, was euch kaputt macht«, heißt hier die alte, aber amtliche Antwort von Ton Steine Scherben, den soziopolitischen CNN der 70er. Die setzen ihre »Ding Ding Dang Dang«-Tour fort, die übrigens von einem krassen Medienmix aus Gazetten wie unter anderem »Melodie & Rhythmus« und »Junge Welt« präsentiert wird. Ja, und tatsächlich: Die Revoluzzer-Senioren versprechen, Songs auf die Setlist setzen, die sie seit 1971 nicht mehr gespielt haben: »Macht kaputt, was euch kaputt macht«, »Wir streiken« oder »Komm, schlaf bei mir«. (Heißt es statt »Keine Macht für niemand« eigentlich nicht richtigerweise »Keine Macht für niemanden«? Auch schon wieder egal.) Und weil es zum Schluss noch so schön passt: Im Februar kommen HGich.t in die Kantine. Da! Es klingelt an des Kolumnisten Tür. Polizei! Ich muss weg.

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