Literatur

Von Revolutionen und »Bleiblingen«

Renate Baumille...
19. Februar 2020

Das Format ist ebenso beliebt wie bewährt, die Akteure wechseln: Wieder traten mit dem Bielefelder Florian Wintels, mit Yasmin Hafedh aus Wien, Ken Yamamoto (Foto: Christian Menkel)  aus Berlin und Sophia Szymula aus Hamburg vier junge und starke Poetry Slammer an, um im Rahmen des Brechtfestivals individuell recht unterschiedlich zu performen und die Zuschauer für sich zu gewinnen.

Apropos Sieg und Gewinn: Am Ende gab es konsequenterweise anstelle einer Flasche Whiskey zwei Brecht-Bücher und eine Tafel Schokolade – eingeheimst von Ken Yamamoto, der mit seinem humorvoll auf die Bühne gebrachten Finaltext über die »Bleiblinge« nicht nur stumpfsinnige Flüchtlingsdebatten ins Aus katapultierte, sondern auch das für ihn und seine Leistung laut Beifall grölende Publikum eroberte. Bewährt hat sich neben dem dezenten Einsatz der Dreimann-Band um Girisha Fernando und dem Auftritt eines Special Guests – diesmal war der junge Augsburger Singer-Songwriter Raphael Kestler mit von der Poetry-Party – auch das Wettstreitprotokoll. Es beinhaltet die Auftrittslänge von rund zehn Minuten in der ersten Runde und eine aus dem Publikum erwählte Fünfer-Jury, die mittels Tafelpunktanzeige wertet – das Finale bestreiten in Runde zwei nur noch zwei Slammer.

In diesem Jahr gab es zum Festivalmotto »Er ist vernünftig – jeder versteht ihn« den Auftrag, sich in einem weiteren Text mit den Brecht-Zeilen »Und von jetzt ab eine ganze Zeit über/Wird es keine Sieger mehr geben/Auf eurer Welt sondern nur mehr Besiegte …« aus dem Fatzer-Fragment auseinanderzusetzen. Mit oder ohne diese Inspirationsquelle waren brillante und komplexe Texte entstanden, scharfzüngig und tiefsinnig, poetisch oder drastisch, stets herausfordernd für den »Erstmal-Hörer«, der wie stets beim Poetry Slam doch einiges an Konzentration aufbringen muss, um Inhalt und Message im schnellen Tempo der Performance in Gänze nachzukommen bzw. nachzuspüren. Der Aufruf zur »Revolution, die »jetzt vegan ist« , der Wunsch, die Welt zu verändern, verblasst angesichts all der unlösbaren Luxusprobleme, macht den politisch korrekten Untergang sehr wahrscheinlich, wie etwa Yasmin Hafedhs in eindrucksvoller Emphase vorgestellten Beiträge klarstellten.

Die wort- und bildreiche, komplett auswendig vorgetragene Hommage an die Versager dieser Welt von Florian Wintels beeindruckte gleich zu Beginn, ebenso wie sein Text über die Erfahrungen der kleinen »Synapse«, deren Hoffnung zuletzt wohl doch sterben muss. Diese beiden schafften es leider nicht in den Finalkampf. Dafür qualifizierten sich neben Ken Yamamoto auch Sophia Szymula u.a. mit ihrer fiesen »Schneewittchen«-Adaption und auch ihre goldene Wortkunst des Erinnerns über die »Stolpersteine«  besaßen einen nicht minder langen Nachhalleffekt. Viel Applaus für die Akteure und den souveränen Moderator David Friedrich, der auch auf der viel zu niedrigen Couch eine tolle Figur machte!   

www.brechtfestival.de

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