Ring frei!

9. März 2015 - 15:06 | Patrick Bellgardt

Das Sensemble Theater liefert eine außergewöhnliche Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs »Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes«.

Liz (Dörte Trauzeddel) und Frank (Florian Fisch) haben sich bürgerlich eingerichtet: ein schönes Eigenheim mit Garage, ihre Tochter kommt bald in die Schule, beide verdienen gut. Mit den Problemen der Welt kommen sie höchstens in Form von regelmäßigen Geldspenden in Kontakt. Ganz anders bei Karen (Daniela Nering) und Martin (Heiko Dietz): Das Ärzte-Paar hat die letzten sechs Jahre in einer der Krisenregionen Afrikas verbracht, die leidende Bevölkerung versorgt, sich bis zur Erschöpfung aufgeopfert. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs müssen sie fliehen – und das todkranke Waisenkind Annie zurücklassen.

Nun treffen sich die Paare zu einem lange erwarteten gemeinsamen Abendessen wieder. Zwar kennen sie sich schon lange, waren eng befreundet, doch sechs Jahre sind eine lange Zeit … Zwei völlig gegensätzliche Lebensentwürfe prallen aufeinander. Nicht nur die Freunde scheinen sich fremd geworden zu sein, auch innerhalb der beiden Beziehungen brodelt es gewaltig. Der Abend wird zur Zerreißprobe. »Ihr seht gut aus. Ihr seht richtig gut aus!« Franks schon zu Beginn etwas aufgesetzt wirkende Freundlichkeit, Martins im Alkohol ertränkte Resignation, Lizʼ überspielte Unsicherheit und Karens wütende Trauer – vielschichtige Zutaten eines im Laufe des Stücks immer härter werdenden Schlagabtauschs.

Sebastian Seidel inszeniert Roland Schimmelpfennigs »Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes« passenderweise in einem Boxring. Die gepolsterten Handschuhe hängen einladend von der Decke. Immer wieder friert die Szenerie ein, einzelne Charaktere richten sich an das Publikum, gewisse Aspekte der Handlung werden gezielt vorweggenommen oder wiederholt. Entgleist der Dialog, verlagert sich das Streitgespräch auf eine physische Ebene: Liz und Karen steigen zusammen in den Ring, verpassen der jeweiligen Kontrahentin eine saftige Rechte. Der Kampf ist dabei zusätzlich im Hintergrund durch eine Projektion (Video: Eric Zwang-Eriksson) zu sehen.

Das Sensemble Theater liefert eine außergewöhnliche Inszenierung eines starken Stücks. »Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes« ist dabei viel mehr als nur ein »Pärchendrama«, es wirft Fragen nach dem Nutzen von Entwicklungspolitik auf, trifft uns gleichzeitig in unserer eigenen bequemen Welt. Zunächst amüsant unterhaltend, später tragisch abgründig, berührt vor allem das Ende – und verpasst uns damit einen sauberen linken Haken, über den wir noch lange nachdenken werden.

Die nächsten Termine: 13., 14. und 27. März sowie 15., 17., 18., 23., 24. und 25. April. Begleitend bieten diverse Veranstaltungen weiteren Diskussionstoff im Anschluss an die jeweilige Aufführung: Am 13. März findet ein Publikumsgespräch mit Regisseur Sebastian Seidel und den Schauspielern statt. Susanne Fuchs (Eltern für Afrika e.V., Fachstelle für internationale Adoption) ist am 14. März zu Gast. Raphael Marcus (HUMEDICA) steht am 27. März Rede und Antwort. Zuletzt darf am 17. April Elisabeth Rennig (PLAN international e.V.) begrüßt werden.

www.sensemble.de

 

 

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