Ein rollender Stein setzt kein Moos an

22. April 2019 - 12:55 | Patrick Bellgardt

Auf seiner »Never Ending Tour« machte Bob Dylan am Karsamstag Halt in der Augsburger Schwabenhalle.

Es gibt wohl kaum einen Musiker, der größere Erwartungen weckt als Bob Dylan. Eben diese pflegte er in seiner inzwischen fast 60-jährigen Karriere regelmäßig bewusst zu unterlaufen oder gekonnt zu ignorieren. Die Messlatte für die Platten und Konzerte des heute 77-Jährigen liegt extrem hoch, sowohl bei Feuilletonisten und Dylanologen als auch bei neutraleren Geistern.

All the truth in the world adds up to one big lie
People are crazy and times are strange
I’m locked in tight, I’m out of range
I used to care, but things have changed
– »Things Have Changed«

Für mich, der sich seit einigen Jahren zunächst gemächlich, dann aber immer faszinierter mit dem Meister und seiner Musik auseinandersetzt, sind die Tage vor dem Augsburger Konzert von großer Vorfreude geprägt. Der Auftritt in der Schwabenhalle – die 14. Etappe der aktuellen, am 31. März in Düsseldorf gestarteten Europatour – ist das erste Mal, dass ich Dylan live sehe.

Vor rund 4.000 sitzenden Besucher*innen beginnt der »song and dance man« pünktlich um 20 Uhr. Die Atmosphäre in den Reihen ist beeindruckend: Selten habe ich ein so konzentriert, fast schon andächtig lauschendens Publikum erlebt. Smartphone- und Kamera-Aufnahmen sind verboten. Das Ergebnis: keine Selfies, keine pausenlos aufleuchtenden Bildschirme – irgendwie schön! Auf der Bühne herrscht ebenfalls Minimalismus: nur fünf Musiker mit ihren Instrumenten in dezentem Scheinwerferlicht.

How I made it back home nobody knows,
Or how I survived so many blows
I been through hell what good did it do,
My conscience is clear, what about you
– »Pay in Blood«

»Things Have Changed«, der erste Titel des Abends könnte auch das Motto für all diejenigen sein, die Dylan nur/noch als Folksänger mit Klampfe kennen. Der Meister hat sich bei seinen Liveauftritten seit geraumer Zeit hinter das Klavier verzogen. Die Tasten spielt er mal energisch, mal gefühlvoll, mal sitzend, mal stehend. Selten streut er Mundharmonikapassagen ein, so zum Beispiel bei »Simple Twist Of Fate«, »When I Paint My Masterpiece« oder bei der starken Pianovariante von »Dont Think Twice Its All Right«. Nur für das düstere »Scarlet Town« vom 2012er-Album »Tempest« schreitet er zum Mikroständer in der Bühnenmitte und liefert damit vor allem stimmlich einen der Höhepunkte des Konzerts ab.

Nichts, was der Literaturnobelpreisträger an diesem Abend präsentiert, gleicht eins zu eins der Albumversion. Nur zu gerne modelliert Dylan seine Stücke um und zeigt eine frisch arrangierte, teils völlig andere Seite eines Songs. »Like a Rolling Stone« beispielsweise, im Original unzählige Male gehört, wird dekonstruiert, um es zu einem spannenden, mitreißenden Mosaik neu zusammenzusetzen. Diese Hymne erhält mit den euphorischsten Applaus des Abends. An dieser Stelle auch ein klares Lob an die Tontechnik, die den Sound der Multifunktionshalle gut im Griff hat.

Some trains don't pull no gamblers
No midnight ramblers like they did before
I been to Sugar Town, I shook the sugar down
Now I’m trying to get to heaven before they close the door
– »Tryin’ to Get to Heaven«

Unterstützt wird der Sänger von einer eingespielten, in sich ruhenden Band: Tony Garnier (Bass), Charlie Sexon (Gitarre), George Recile (Schlagzeug) und Donnie Herron (Steelgitarre, Mandoline, Violine, Banjo) scheinen »His Bobness« wirklich zu verstehen. 20 Songs in fast 2 Stunden bringen die Ausnahmemusiker ohne Pause gemeinsam auf die Bühne. Die Setlist * ist abwechslungsreich und deckt wesentliche Schaffensphasen ab. Bei seinem Œuvre kann Dylan es sich erlauben, selbst herausragende Alben wie »Blonde On Blonde« oder »Bringing It All Back Home« gar nicht erst zu berücksichtigen.

Das Schweigen des eigenwilligen Künstlers ist viel diskutiert und längst zu einem Teil seiner Legende geworden. Ob er bei seiner höflichen Verbeugung in der Schwabenhalle zum Schluss tatsächlich lächelt oder nicht, völlig egal – 120 Minuten lang vermittelt mir der ergraute Mann, dass er mit seinen fast 80 Jahren noch immer Freude an der Musik und Spaß am touren hat. Bob Dylan braucht kein aufgesetztes Strahlen, keine gekünstelten Ansagen – an diesem Karsamstag lässt er seine Musik für sich sprechen, seine Texte, die für viele Menschen weit mehr sind als nur Lyrics zu Songs.


* Setlist:
Things Have Changed
It Aint Me, Babe
Highway 61 Revisited
Simple Twist of Fate
Cry a While
When I Paint My Masterpiece
Honest With Me
Tryin to Get to Heaven
Scarlet Town
Make You Feel My Love
Pay in Blood
Like a Rolling Stone
Early Roman Kings
Dont Think Twice, Its All Right
Love Sick
Thunder on the Mountain
Soon After Midnight
Gotta Serve Somebody
–––––––––––––––
Blowin in the Wind
It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry


Abbildung: Pressefoto, Allgäu Concerts

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