Theater & Bühne

Rollenwechsel vor Gericht

Bettina Kohlen
18. November 2015

Im aktuellen Stück „Schuld & Bühne“ dreht sich das Geschehen um den Anlagebetrüger Thomas Ach, der sich im Gefängnis vom zynischen Atheisten zum religiösen Gutmenschen gewandelt hat. Ein neuer Mensch ist er, der bisherige existiert nicht mehr. Dieser Logik folgend, beantragt er seine Entlassung, da er jetzt eine andere Person sei. Die Jury aka Zuschauer verfolgen in einem Gerichtssaal Aussagen und Plädoyers, um am Ende ihr Urteil zu fällen.

Einen allmählichen Identitätswechsels als Folge der Haft weiterzudenken ist ausgesprochen reizvoll, doch in der Bühnenrealität erwies sich das bald als uninteressant und wenig stringent. Die Rapper- und Tanzeinlagen waren eher störend als zäsursetzend, die rechtsphilosophischen Plädoyers würde man lieber lesen. Vor allem aber blieb die zentrale Figur Thomas und/oder Salomon Ach (Guido Drell) blass. Was will der Typ? Da konnte auch der Einsatz seines Anwalts (klug und zynisch: Leif Eric Young) nichts retten. Die flotte Staatsanwaltszicke (Claudia Kainberger) zog ihre Trumpfkarte, den Psycho-Professor (gut: Anton Limmer). Die Zuschauer-Jury war am Ende nicht von Läuterung und neuer Identität des Häftlings Ach überzeugt. Abgelehnt.

Bluespots-Produktionen sind immer auch Spektakel, ihr Plus sind Detailreichtum und die Einbeziehung des Publikums in die Aktion: Rasante Cop-Tänzerinnen geleiten die Besucher durch die Sicherheitsschranken, Reporter flitzen herum, machen hektisch Bilder, befragen die Jury-Mitglieder aka Zuschauer, ein Gerichtszeichner hält das Geschehen im Saal fest. Die Schwächen des Gerichtsstücks konnten diese Streiflichter nicht überstrahlen. Doch ohne die Bluespots-Akteure und ihre Produktionen wäre die Augsburger Theaterlandschaft um einiges ärmer …

„Schuld & Bühne“ gibt es nur noch viermal: 21., 22., 28., 29. November

www.bluespotsproductions.de

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