Klassik

Rote Bühne, gold'ne Flügel

Renate Baumille...
23. Juli 2020

»Es sieht toll aus!«, konstatierte Generalmusikdirektor Héja zur Begrüßung der zahlreichen Zuschauer, die sich nach der viel zu lange scheinenden Zwangspause zu recht auf die beiden Konzertabende gefreut hatten. Unter dem bei »Nabucco« entlehnten Motto »Auf goldenen Flügeln« wurde es von den Augsburger Philharmonikern in großer Besetzung ganz zentral platziert auf der ebenfalls großen Bühne am Roten Tor bestritten und war nach 80 Minuten inklusive der Ohrwurm-Zugabe aus Bizets »L’Arlésienne«-Suite viel zu schnell vorbei.

Die Grundidee, so erläuterte Héja, der mit einer guten Prise Verschmitztheit den Abend lässig und fein dosiert moderierte, war die musikalische Reminiszenz und wohl auch die Reverenz an die Zeit, in der auf der Freilichtbühne auch große Opern gespielt wurden. So standen mit der Ouvertüre aus Richard Wagners »Fliegender Holländer«, mit dem kurzen »Preludio« aus Verdis »Aida« sowie der opulenten »Nabucco«-Ouvertüre drei Klassiker auf dem sinfonischen Programm, die allesamt in der Vergangenheit auch als Freilichtbühnen-Inszenierungen gefeiert worden waren. Ebenso inspirierend wie abwechslungsreich zusammengestellt, führte der Abend bald wieder aus der Opernwelt hinaus, um mit Camille Saint-Saens, Leos Janacek, Johann Strauß und Ralph Vaughan Williams die schöpferische Vielseitigkeit europäischer Komponisten von Weltrang erstrahlen zu lassen.

Natürlich vertrugen sich so manch' sanft intonierte Pianissimo-Passagen der Streicher eher schlecht mit dem Quietschen der Tram oder gar dem durchdringenden Heulen des Martinshorns, so dass es dann den Posaunenauftakt der Nabucco-Ouvertüre gar zwei Mal zu erleben gab. Als dann auch die Lautsprecherverstärkung, die anfangs leicht irritierte, nachjustiert war, stand einem eindrucksvollen Sommerkonzert nichts mehr im Weg. In flammendes Rotlicht getaucht und womöglich »passend« zur Pandemie gewählt, riss einen die raffinierte Orchestrierung und der Klangfarbenreichtum der 1875 mit mäßiger Zuschauerresonanz uraufgeführten sinfonischen Dichtung Danse Macabre des Franzosen Camille Saint-Saens (für Orchester und Violine) schier von den Stühlen. Hier ist die E-Saite der Solovioline, die das Diabolische reflektiert, auf Es heruntergestimmt, was damals befremdlich wirkte; heute, zumal wenn es so verführerisch schön gespielt wird wie von Konzertmeisterin Katja Lämmermann, wird das nur knapp achtminütige Werk zum schieren Vergnügen.

Auch dass Héja sich zur »Corona-Version«, sprich der Auswahl von drei Sätzen aus den sechs »Lachischen Tänzen« von Leos Janácek entschieden hatte, tat deren plastischer Wirkung keinen Abbruch. Temporeich und mit dynamischem Elan tauchte das Orchester ein in die Atmosphäre der beiden sinfonisch geistreich nachempfundenen tschechischen Volks-Hochzeitstänze sowie in den »Dymak«, der am Ende mit Polka-Rhythmen die Arbeit des Schmiedes versinnbildlicht. Und die betörend interpretierte »Fledermaus«-Ouvertüre prickelte und zündete ihre Funken natürlich auch im Sommer! Das rundum einnehmende, lautmalerisch komponierte und filmmusikreife Finale läutete der Brite Ralph Vaughan Williams (1872-1958) ein, dessen Werke näher kennenzulernen Héja seinem Publikum nahe legte. Nach der humorvollen, bittersüßen Kostprobe seines in der Tat facettenreichen Gesamtwerks mit der Ouvertüre zur Bühnenmusik von Aristophanes Komödie »Die Wespen«, dürften diesen Rat viele Zuhörer beherzigen. Zunächst aber brachten sie mit intensivem und langen Applaus ihre Begeisterung und ihren Dank für dieses so wertvolle Open-Air-Konzert zum Ausdruck. Dringende Empfehlung: Unbedingt noch Tickets für den zweiten und letzten Termin des Sommerkonzerts »Auf goldenen Flügeln« am Samstag, 1. August, um 21 Uhr sichern!

Foto: Jan-Pieter Fuhr

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