Rückschritt des Alters

7. März 2018 - 10:29 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im März

Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft sind Zeitreisen in die Vergangenheit prinzipiell nicht möglich. Jedoch vermögen es Dinge, Orte, Gerüche, Geschmäcker und Geräusche, einen Menschen in die Erinnerungen seiner Vergangenheit zurückzuversetzen. Doch auch Filme haben diese faszinierende Eigenschaft. Ein filmisches Zeugnis der cineastischen Zeitreise ist der italienische Klassiker »Cinema Paradiso« von Giuseppe Tornatore aus dem Jahr 1988. Wer sich also dem kalten, ungemütlichen Wetter entziehen und einen Abstecher in seine eigene Vergangenheit wagen will, dem stehen diesen Monat unter anderem die folgenden zwei Filme zu Auswahl:

Luca Guadagninos »Call Me by Your Name« (1. März, Kinodreieck, Foto) beginnt in dem heißen, sonnendurchtränkten Sommer des Jahres 1983 auf dem norditalienischen Landsitz von Elios Eltern. Der 17-Jährige hört Musik und liest Bücher, geht schwimmen und langweilt sich, bis eines Tages der neue Assistent seines Vaters aus Amerika in der großzügigen Villa ankommt. Der charmante Oliver (Armie Hammer), der wie Elio (Timothée Chalamet) jüdische Wurzeln hat, ist jung, selbstbewusst und gutaussehend. Anfangs reagiert Elio eher kühl und abwehrend auf ihn, doch schon bald unternehmen die beiden öfter Ausflüge miteinander und entdecken die Mädchen des Ortes für sich. Je länger der Sommer dauert, desto intensiver werden jedoch die Gefühle der zwei jungen Männer füreinander und Elio beginnt zögerliche Annäherungsversuche, die zunehmend intimer werden.

Wer nun Luca Guadagninos Film mit dem Stempel »schwules Kino« versehen will, urteilt zu früh. In Zeiten transzendierender Geschlechterrollen erzählt der Italiener ungeheuer atmosphärisch die Geschichte einer besonderen Liebe. Die Gefühlswelten, in die der Zuschauer eintauchen darf, sind so komplex und sinnlich, dass man meint, diese Liebesgeschichte am eigenen Leib oder zumindest im eigenen Herzen zu erleben, wobei der Film nie aufdringlich wirkt. Zu Recht war »Call Me by Your Name« ein Kritiker- und Publikumsliebling beim Sundance-Festival und auf der Berlinale.

Eine zwischenmännliche Beziehung einer ganz anderen … Entschuldigung, was für eine schwache Überleitung. Noch mal von vorn: Nicht nur durch das Vergegenwärtigen junger Liebe kann uns ein Film für den Preis einer Eintrittskarte verjüngen. Auch das Auffrischen von Kindheitserinnerungen oder deren Weitergeben macht das Kino möglich. Für viele Augsburgerinnen und Augsburger wird da zweifelsohne die Augsburger Puppenkiste eine Rolle spielen, und allen voran eines ihrer populärsten Stücke – Jim Knopf.

»Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« (29. März, CinemaxX) von Dennis Gansel mit Solomon Gordon als Jim und Henning Baum als Lukas folgt weitestgehend der Handlung von Michael Endes gleichnamigem und erstem Buch der Jim-Knopf-Reihe. Als eines Tages ein falsch adressiertes Paket auf Lummerland abgeliefert wird, ist die kleine Insel mit zwei Bergen um einen Bewohner reicher – um ein kleines Kind namens Jim Knopf. Einige Jahre später ist Jim zu einem quirligen Jungen herangewachsen, der bei Lukas in die Lokomotivführer-Lehre gegangen ist. Doch weil sich König Alfons der Viertelvorzwölfte (Uwe Ochsenknecht) Sorgen über eine mögliche Überbevölkerung von Lummerland macht und Lukas’ Lokomotive Emma stilllegen will, brechen Lukas und Jim gemeinsam mit Emma in ein Abenteuer auf, bei dem sie unter anderem auf Piraten, Drachen und den Kaiser von Mandala treffen.

Da ich diese Geschichte gerade einem mir sehr lieben Menschen vorlesen darf, ist sie mir besonders nah, als Augsburger sowieso. Dem Trailer nach zu urteilen ist der Film durchaus aufwendig produziert und kann mit liebevollen Kulissen und adäquaten Spezialeffekten aufwarten. Den Charme der Puppenkiste wird dieser Film sicherlich nicht heraufbeschwören können, aber das soll und kann eine Realverfilmung ja auch nicht leisten. Es bleibt abzuwarten, ob Gansels Film in die typische Kitschigkeit deutscher Märchenfilme abgleitet oder ob wir hier einen zeitloseren Jim Knopf geboten bekommen. Wie dem auch sei, ich werde Ende März meine Koffer für einen kleinen Verjüngungsurlaub auf Lummerland packen. Hoffentlich nicht allein (stellen Sie sich an dieser Stelle ein Augenzwinkern vor).

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