Ruhe und Bewegung

23. August 2018 - 9:26 | Bettina Kohlen

Kunst? Im Hochsommer? Aber ja. Schließlich gibt es auch Kunst im Grünen. Und drinnen ist es aus konservatorischen Gründen meistens gut klimatisiert.

Man könnte Vermeers Briefleserin, gerade Gast in der Alten Pinakothek München, einen Besuch abstatten, oder an den Chiemsee fahren, um im Schloss Herrenchiemsee renommierte Gegenwartskunst in spannender Umgebung zu erleben. Und man sollte natürlich eine Runde in der Region drehen.

Wer große Namen möchte: Bitteschön, die Galerie Noah widmet dem im vergangenen Jahr gestorbenen »Neuen Wilden« A. R. Penck eine recht umfangreiche Ausstellung, einen Querschnitt von Arbeiten seit den 1970er-Jahren. Der Hingucker ist das rund fünf Meter breite »Stargarder 18«, ursprünglich für eine Kneipe, die nie eröffnet wurde, gemalt. Neben farb- und kontraststarken Gemälden sind zartfarbige Arbeiten auf Papier zu sehen, außerdem viel Druckgrafik. Ein typischer Rundumschlag des gut Verkäuflichen (ein volles Portemonnaie braucht man aber schon …). Im Kabinett zeigt Terence Carr neue kleinere Figuren aus farbig gefasster Bronze oder Holz. Eine Etage höher sind 30 Arbeiten regionaler Künstler versammelt, die sich mit »Utopie – Zwischen Traum und Wahnsinn« befassen. Diese siebte Runde eines Gemeinschaftsprojekt der Galerie Noah und der Stadt Augsburg wäre eine gute Sache – eigentlich. Doch die Hängung in den Bürofluren ist an Banalität schwer zu überbieten und degradiert die Kunst zu reiner Wanddekoration. Naja.

Marie-Luise Heller (1918–2009) war eine herausragende Künstlerin des Informel und der konkreten Kunst. Wer sie (wieder-)entdecken will, sollte sich auf den Weg nach Rinnenthal bei Friedberg machen. Dort präsentiert Claudia Weil eine Retrospektive der Künstlerin, deren Nachlass die Galeristin und ihr Mann Thomas betreuen. Sie haben dafür gesorgt, dass Heller wieder ins Blickfeld rückt, so gab es kürzlich eine Ausstellung im Ingolstädter Museum für Konkrete Kunst. Heller klebte, malte und zeichnete abstrakt geometrisch, zunächst stark farbig, später auch schwarzweiß. Sorgfältig, repetitiv und meditativ entwickelte sie mit Linien oder Punkten großflächig angelegte Muster in der Tradition orientalischer Ornamentik. Besonders eindrucksvoll sind Hellers mehrschichtige Op-Art-Plexiglas-Objekte, die sich wie Vexierbilder je nach Perspektive des Betrachters verändern. Hellers künstlerische Karriere verweist aber auch beispielhaft auf die Schwierigkeiten, als Mutter und Ehefrau einen Weg zu finden. Obwohl sie ständig gearbeitet hat, legte sie erst richtig los, als Mann und Kinder aus dem Haus waren … In Weils Dependance in Augsburg in der Bergstraße lässt sich ein stilisierter Einblick in Hellers seinerzeitiges Atelier gewinnen.

In Göggingen kann man Eis essen, aber auch im reizenden Park des Kurhauses flanieren. Wer nicht nur Grünes, sondern auch kunstvoll verarbeitetes Metall mag, ist hier doppelt richtig. Anette Urban und Wolfgang Reichert, die immer wieder für Draußenkunst sorgen, zeigen in der achten Auflage ihrer »Parknovellen« Arbeiten des Bildhauers Herbert Mehler. Wie stilisierte ernsthafte Riesenpflanzen wachsen die geometrisch-reduzierten Gebilde bis zu drei Metern hoch aus dem Boden. Der samtig rostende Cortenstahl verleiht den Objekten eine strenge schöne Poesie. Gelungen!

Mehr Natur gefällig? Ein Ausflug nach Oberschönenfeld ist immer eine feine Sache. Im Biergarten sitzen, noch ein Klosterbrot kaufen und Kunst gucken – oder umgekehrt … Unbedingt sehenswert (Besprechung unter: www.a3kultur.de) ist Daniela Kammerers »Blütenknall« mit einem umfassenden Einblick in ihr aktuelles Werk. Außerdem wurde vor kurzem die neue Dauerausstellung eröffnet. Erstaunlich luftig und großzügig präsentiert sich die komplett neu konzipierte Präsentation, die nicht mehr auf volkskundlich traditionelle Fülle setzt, sondern anhand einzelner Objekte Geschichten erzählt – auch aus der Gegenwart. Zudem wird erstmals die Geschichte des Zisterzienserinnenklosters einbezogen. Das alles ist richtig gut geworden. Hinfahren, los!

Ein Abstecher ins tim schadet ja nie – derzeit bespielt Miha Štrukelj dort das Foyer. Im Rahmen des Kulturaustauschprojektes »Welcome in der Friedenstadt« hat der Künstler (Porträt unter: www.a3kultur.de) eine raumgreifende Arbeit installiert, die sich mit Formen – auch ästhetischen – des urbanen Lebens auseinandersetzt. Die schwebende fraktale Gitterstruktur der leichtfüßig anmutenden Arbeit verweist auf Richard Buckminster Fuller, dessen Projekte geodätischer Kuppeln nicht nur gestalterische sondern auch lebensreformierende Ansätze verfolgen.

Zum Schluss noch ins Höhmannhaus, das Arbeiten von Norbert Schessl (Foto: Werkstattaufnahme 2018, © Norbert Schessl) zeigt. Doch der Schwere der Objekte schlägt der Künstler ein Schnippchen. Zur Vernissage verschob er eine schwere Steinskulptur von hier nach da – ganz traditionell und systematisch mit Hilfe von unterlegten Rundhölzern. Eine hintersinniges Zitat dieses Verschiebens findet sich in Form einer industriellen Rollenbahn: senkrecht an der Wand montiert und mit einer Fehl-Rolle, verweigert sie sich ihrer ursprünglichen Aufgabe und zeigt sich als reines Kunstwerk. Norbert Schessls Arbeiten spielen mit den Gegenpolen Ruhe und Bewegung, Schwere und Leichtigkeit, und dem Prozess der Veränderung. Schessl verschiebt nicht nur die Skulptur selbst, sondern zugleich die Wahrnehmung des Kunstobjektes. Hintersinnig, schlüssig, präzise und humorvoll: Was will man mehr?

www.galerienoah.com | A. R. Penck, bis 4. November | Terence Carr, bis 9. September
www.galerie-claudiaweil.de | 100 Jahre Marie-Luise Heller: Retrospektive, bis 21. Oktober | Installation in der Galerie II, bis 23. September
www.maxgalerie.de | Parknovellen im Park des Kurhauses Göggingen: Herbert Mehler, bis 28. Oktober
www.mos.bezirk-schwaben.de | Daniela Kammerer: Blütenknall, bis 23. September
www.timbayern.de | Miha Štrukelj: Utopie/Dystopie, bis 11. September
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de | Norbert Schessl: Einfach schieben, bis 23. September

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