Russische Gesellschaftsspiele

8. Mai 2016 - 15:14 | Bettina Kohlen

Anton Tschechow lässt in seinem spät entdeckten Erstlingsdrama »Platonow« seine Protagonisten sieben Stunden lang aufeinander los. Die Augsburger Inszenierung dieser »Enzyklopädie russischen Lebens« aus dem Ende des 19. Jahrhunderts entfacht in rund drei Stunden ein wildes Feuerwerk von Drama, Comedy und Schmierentheater.

Anna Petrowna hat auf ihr Gut geladen, und die vom Leben Gelangweilten trudeln ein: verarmte Adelige, Neureiche, Schmarotzer, Salonrevolutionäre. Sie trinken, spielen, widmen sich ihren Liebschaften. Der zynischste von allen ist Platonow, der einen Schlag bei den Damen hat. Er pflegt seinen Überdruss an dieser hohlen Gesellschaft und ist doch ein Teil davon.

Regisseur Christian Weise stellt einen Trupp eitler Schwachköpfe in glitzernder Beinahe-Eleganz (Andy Besuch) auf die Bühne, die er bei ihrem eigenartigen Treiben im Pappendeckel-Datscha-Bühnenambiente (Martin Miotk) genau beobachtet. Alle sind permanent in Bewegung, ohne jedoch eine Richtung zu finden. Das Geschehen auf Drehbühne und Filmleinwand wird von Kameraleuten umkreist und eingefangen, das Ganze untermalt von Musik (Keyboard: Jens Dohle). Der Zuschauer ist immer nah dran, bei Bedarf auch in Großaufnahme, sogar dann, wenn sich die Akteure außerhalb des Bühnenraums bewegen, in den Gängen und noch viel weiter entfernt… Hier wird erkennbar Theater gespielt und Kino gemacht, auch die Souffleuse agiert auf der Bühne. Die Illusion, der sich Protagonisten (und Zuschauer) gerne hingeben, wird plattgemacht.

Das Ensemble läuft zu großartiger Form auf: Wie eine Laienspieltruppe gibt es alles und noch viel mehr. Da wird chargiert und gekalauert, da wird grottenschlecht Theater gespielt, dass es eine Lust ist! Die ziellose und wertfreie Feiergesellschaft demaskiert sich sich auf das Feinste. Das bösartige Ding rückt knapp an die Klamotte ran, aber eben nur um Haaresbreite. Die Schauspieler haben erkennbar großen Spaß, wie Christoph Bornmüller (Platonow) und die ihn umschwirrenden Damen Lea Sophie Salfeld (seine Frau Sascha), Jessica Higgins (Sofja, die Ex-Geliebte) und Ute Fiedler (Anna Petrowna). Eine herausragende Leistung aller Beteiligten! Keinesfalls versäumen!

Nächste Vorstellungen: So 8.5., Di 10.5., Fr. 20.5.

www.theater-augsburg.de

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