Die Sache mit dem Zuhause

Fliegende Bauten_staatstheater augsburg_Foto Jan-Pieter Fuhr
7. Oktober 2020 - 17:02 | Bettina Kohlen

Fliegende Bauten – so nennt man vorläufige oder mobile Architekturen. Ein Liederabend in der Brechtbühne widmet sich unter diesem Titel dem Wohnen und den damit verbundenen Unsicherheiten und Träumen.

Neonlicht, abgenudelte Stuhlreihen und die obligatorische Grünpflanze, die den Besuch an diesem Ort auch nicht einladender macht: Hier, offensichtlich irgendein großstädtisches Amt für Wohnungssuchende (Bühnenbild: Veronika Bleffert), trudeln nach und nach vier Menschen ein, lassen sich, den Unbilden des Regenwetters entkommen, nieder, und füllen mehr oder weniger erfolgreich irgendwelche Formulare aus. Jeder für sich, auf Abstand bedacht, benennen die vier ihre unterschiedlichen Vorstellungen davon, was ein Zuhause ausmacht, das sich richtig anfühlt. Das zu behalten oder zu bekommen ist in Zeiten massiver Gentrifizierung gar nicht so einfach …

Dem Polittheater-Setting setzt Regisseurin Elsa Vortisch immer wieder Slapstick-Momente alter Schule entgegen: Kleiderhaken, die über die Wand wandern oder Stühle, die sobald man Platz nimmt, laute Musik absondern. Ganz allmählich wandelt sich die anfängliche offenkundige Hilflosigkeit der Menschen vor dem Schalter. Durch eine verborgene Tür lassen sich Musikinstrumente herbeiwünschen und auch sonst tut sich was – statt ihrer blassbunten Alltagskleidung schmeißen die vier sich in mutige Outfits (Kostüme: Julia Ströder), sie leben singend und spielend ihre Persönlichkeit als Tarzan (Paul Langemann), Meerjungfrau (Marina Lötschert) und Ballerina (Julius Kuhn) oder im quecksilbrig glänzenden Hasenkostüm (Anatol Käbisch).

»Fliegende Bauten« ist zwar in der Sparte Schauspiel angedockt, firmiert aber als Liederabend und genau das bekommen wir: Der Themenabend, der sich musikalisch der Frage, was Zuhause ausmacht, nähert, entpuppt sich als buntes Kaleidoskop populärer Songs aus verschiedenen Jahrzehnten. Da ist »I am what I am« ebenso vertreten wie »Mietspiegel«, »Haus am See« oder »Once in a Lifetime« der Talkings Heads in einer deutsch vertexteten Version. Das musikalische Konzept hat der Münchner Musiker Enik entwickelt, der nicht nur als Pianist und Sänger auf der Bühne präsent ist, sondern auch als Mann hinter dem Schalter agiert.

Innerhalb von 75 Minuten gewinnt das Ganze ganz anders an Fahrt, als die ersten Minuten erwarten lassen, das spröde Thema kommt mit Witz und Feuer über die Rampe, ohne das Anliegen als bloßen Aufhänger verhungern zu lassen. Applaus …

Foto: Musik in der Behörde: Der Liederabend »Fliegende Bauten« ist in einem Amt für Wohnungssuchende angesiedelt (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

www.staatstheater-augsburg.de/fliegende_bauten

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