Salieri und der hyperaktive Mozart

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22. Februar 2019 - 12:54 | Bettina Kohlen

Das Staatstheater Augsburg bringt »Amadeus«, Peter Shaffers erfolgreiches Stück aus den 1970ern, in den martini-Park.

Frau Dr. Hermann, eine Art Forscherin, trifft auf eine ziemlich eingestaubte Gestalt aus der Vergangenheit: Antonio Salieri, angesehener Wiener Hofkomponist, der jetzt endlich mal die Sache mit Mozart erklären darf. Was nun folgt, ist keineswegs historisch verbrieft, doch das Klischee des überdreht kindischen Genies Mozart, der seine grandios komplexe Musik, wenn er sie zu Papier bringt, bereits fix und fertig im Kopf hatte, scheint nach wie vor populär – fügt es doch dem älteren Bild des von Drama umflorten hochtalentierten Geistes einen aparten Aspekt hinzu: den des hyperaktiven egozentrischen Bengels.

Der 1979 uraufgeführte Zweiakter »Amadeus« erzählt von der tragischen Erkenntnis des Hofkomponisten Antonio Salieri, dass er bei allem Können, Fleiß und Erfolg nie mit dem Genie Mozarts wird mithalten können. Sehr bekannt wurde »Amadeus« in der opulenten Oscar prämierten Verfilmung von Milos Forman.

Mozart (Anatol Käbisch) steht überdreht und genial im Mittelpunkt, nicht unbedingt zur Freude des Habsburger-Kaisers (Sebastian Müller-Stahl) und vor allem zum Missfallen des Hofkompositeurs Antonio Salieri (Thomas Prazak). Das hat wenig mit Mozarts Musik zu tun, die man vielleicht exzentrisch (zu viele Noten, meint der Kaiser …) findet, deren Genialität gleichwohl alle erkennen, vor allem Salieri, der jedoch, anders als in Shaffers Stück, selbst ein hervorragender Komponist war. Zwischen Salieri und Mozart springt dessen Gattin Constanze (Marlene Hoffmann) hin und her. Das Hofmusiksystem bildet sich in der Trias aus Operndirektor (Klaus Müller), Bibliothekspräfekt (Kai Windhövel) und Kammerherr (Sebastian Baumgart) ab. Die Drei agieren mit sichtlicher Freude und der Kaiser stolziert mehr oder weniger majestätisch herum. Mozart schlägt Rad und liefert weitere akrobatische Einlagen, zunächst amüsant, dann doch ein bisschen nervig. Schräge Ausnahme: Wenn Mozart und Salieri tanzend komponieren, indem sie wie auf Klaviertasten herumspringen. Constanze/Frau Dr. Hermann liefert das Bindeglied zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

In diesem komödiantischen Setting ist der eingegraute Salieri die wahrhaft tragische Figur. Das alles kann als Beispiel für das grundsätzlich schwierige Verhältnis von Fleiß und Genie betrachtet werden, und doch zündet das Ganze nicht, wirkt klischeehaft klamottig, Handeln und Verhalten der Akteur*innen ist arg vorhersehbar. Die Inszenierung von Hausregisseur David Ortmann punktet mit Bühne (Jürgen Lier) und Kostüm (Ursula Bergmann): ein barockes wandelbares Bühnengerippe und die leicht derangierten Rokoko-Kostüme (mit roten langen Unterhosen für Mozart und einem stockfleckigen kaiserlichen Mantel) lassen sich als Abgesang auf eine höfische Musikkultur lesen. Gelungen: Mozarts Musik liefert immer wieder eindringlich den Soundtrack für das Bühnengeschehen.

Seit 200 Jahren werden zeitbedingte Sichtweisen auf die Ausnahmegestalt Mozart projiziert, seine Musik immer wieder neu interpretiert – es bleibt die Frage, ob Ortmann eine heutige oder eine Jahrzehnte alte Momentaufnahme fixiert.

Die nächsten Termine unter:
www.staatstheater-augsburg.de/amadeus

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