Schätze offenlegen

8. September 2014 - 0:00 | Jürgen Kannler

Das Bauarchiv im ehemaligen Kloster Thierhaupten öffnet sich am 14. September zum Tag des offenen Denkmals. Von Jürgen Kannler.

Die Schätze liegen offen in langen Regalreihen angeordnet. Auf vielen Hundert Metern präsentieren sich den Besuchern Türbeschläge, Dachziegel, Mörtelproben und unzählige weitere Zeugnisse vergangener Handwerkskunst. Wie im Museumsdepot lagern im ehemaligen Kloster Thierhaupten alte Türblätter, Fenster und Treppenabsätze. Man fühlt sich beim Durchwandern der Regalgassen auf 4.000 Quadratmetern zuweilen wie beim Antiquitätenhändler und zugleich wie bei Obi. Am 14. September öffnet dieses deutschlandweit einzigartige Bauarchiv für alle Interessierten seine Pforten. Aus diesem Grund sprachen wir mit Julia Ludwar. Die Diplomingenieurin leitet die Vorzeigeeinrichtung.

Das Bauarchiv Thierhaupten ist am 14. September sozusagen »Covergirl« am Tag des offenen Denkmals in Bayern. Was erwartet die Besucher?

Einerseits kann man einen Blick in das ehemalige Benediktinerkloster Thierhaupten werfen. Normalerweise ist die Anlage als Ganzes nicht immer zugänglich. Die Klosterkirche ist an diesem Tag ebenso offen wie das Refektorium, die Küche und die vielen anderen sehr gut erhaltenen Klosterräume. Außerdem gibt es die Chance, die Arbeitswelt der Denkmalpflege kennenzulernen. Man kann zum Beispiel unsere 6.000 Bauteile umfassende Sammlung besichtigen oder einen Blick in die Werkstätten für Holz oder Glas werfen.

Mit welchen Leuten arbeiten Sie vor Ort zusammen?

Wir haben hier im Haus Leute aus allen möglichen Bereichen, seien es Archäologen, Kunsthistoriker, Architekten, Geologen oder Bauingenieure. Insgesamt sind das ungefähr 30 Mitarbeiter, davon sieben im Archiv. In unserer Arbeit ergänzt sich das sehr gut, da jeder etwas Interessantes zum Objekt beisteuern kann. Das hilft letztendlich, Dinge in ihren Gesamtzusammenhang einzuordnen.

Für wen sind Sie eine Anlaufstelle?

In erster Linie sind wir eine Fachabteilung des Landesamts und beraten unsere Kollegen von der praktischen Denkmalpflege. Als Rat suchender Laie wendet man sich an die Untere Denkmalschutzbehörde, die dann unsere Kollegen von der praktischen Denkmalpflege hinzuzieht und uns bei Bedarf kontaktiert. Darüber hinaus bieten wir Bauherrenseminare zu verschiedenen Themen an und arbeiten intensiv mit Einrichtungen wie den Architektenkammern oder der IHK zusammen.

Sie lagern zurzeit über 6.000 Exponate auf rund 4.000 Quadratmetern Fläche. Nach welchem Schema werden die Objekte gesammelt?

Unsere Sammlung ist nicht wie in einem Museum aufbereitet. Es ist uns wichtig, zu zeigen, dass es hier auch um Masse geht. Hier kommt der Archivcharakter zutage. Wir sammeln nicht, um zu besitzen, sondern um zu lernen. Der Zusammenhang, aus dem die Dinge kommen, ist für uns fast wichtiger als das Stück selbst. Im Archiv ist nur die Spitze des Eisbergs zu sehen, zu den Objekten gibt es noch detaillierte Informationen, die sich auf das Objekt selbst oder den Einbauort beziehen. Diese Informationen helfen uns, Exponate wissenschaftlich zu verwerten und in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Inwieweit geht es dabei auch um eine praktische Informationsvermittlung?

Wir versuchen Wissen, das wir uns hier erarbeiten, für andere nutzbar zu machen. Dies zeigt sich konkret auch an der Kooperation mit den Kammern, dort haben wir beispielsweise einen praktischen Anteil an dem Projekt »Energieberater Baudenkmale«. Das Energiethema spielt auch hier eine große Rolle.

Erkennen Sie einen Trend beim Rückbau verunglückter Renovierungsmaßnahmen an historischer Bausubstanz?

Wir merken sehr wohl, dass gerade junge Leute oft den Neubau meiden und lieber in alten, traditionsreichen Häusern leben wollen. Es wird von dieser Generation nicht mehr als Makel angesehen, in alten Häusern zu wohnen. Dies mag vielleicht daran liegen, dass Neubauten oft zu einheitlich sind. Man greift deshalb gern auf ältere Bauten zurück, um seine Individualität zu unterstreichen.

Ist Ihr Haus auch eine Schnittstelle, wenn es darum geht, Altes zu bewahren und mit neuer, zeitgemäßer Architektur zu verbinden?

Das ist ein Ansatzpunkt, über den ich glücklich bin, der in gewisser Weise aber auch ein wenig zu kurz kommt und bei dem man auch sehr vorsichtig sein muss. Man sollte Alt gegen Neu nicht forcieren. Aber wenn sich etwas gut ergänzt, stehen wir voll hinter diesem Konzept. Wir wünschen uns auch für die Erhaltung der Denkmäler gute architektonische und zeitgemäße Entwürfe.

Wie diskutieren Sie selbst die Idee der Rekonstruktion, zum Beispiel das Parktheater oder den Goldenen Saal in Augsburg? Ich empfinde diese Bauten oftmals als kalt und leblos.

Das kommt vor allem daher, dass der Charme des Originals abgeht. Das ist eine der absoluten Gretchenfragen in unserem Beruf. Die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger wehrt sich beispielsweise vehement gegen den Neubau des Stadtschlosses in Berlin.

Möglich wurde das Erfolgsmodell Bauarchiv durch eine Kooperation des Freistaats und des Bezirks Schwaben. Dieser kommt seit 1991 für Miete und Betriebskosten des Archivs auf. Das Landesamt für Denkmalpflege verantwortet das Archiv und die wissenschaftliche Arbeit. Soeben wurde eine Verlängerung dieses Partnermodells bis ins Jahr 2025 beschlossen. Ihren öffentlichen Startschuss erfährt die neue Kooperationsvereinbarung am 14. September im Rahmen des Tags des offenen Denkmals.

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