Schatten über Südosteuropa

19. Juli 2018 - 14:31 | Dieter Ferdinand

Mit dem Vortrag »Die Juden Bulgariens zwischen Deportation und Überleben« beendete Souzana Hazan im Festsaal der Synagoge die ersten drei Beiträge der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust«.

Nach dem groß gefeierten 100-jährigen Jubiläum der Großen Synagoge und der überragenden Ausstellung »Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung?« in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber ist das Jahr 2018 ein Jahr des Gedenkens. 1938 erfolgte der »Anschluss« Österreichs an das »Dritte Reich«. Mit dem »Münchner Abkommen« vom September begann die Expansion der Nazis nach Osten. Mit der Pogromnacht am 9./10. November erreichte die judenfeindliche Politik des NS-Regimes eine neue Dimension.

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben begann am 15. Mai die von seiner Leiterin Prof. Dr. Benigna Schönhagen initiierte Vortragsreihe »Die europäische Dimension des Holocaust«. Die ersten drei Veranstaltungen behandelten die Verfolgung jüdischer Menschen in den mit Deutschland verbündeten Staaten Südosteuropas. Dabei wirkte als Kooperationspartnerin für das Bukowina-Institut an der Uni Augsburg Frau Jun.-Prof. Maren Röger mit. Zugrunde liegt ein 2005 begonnenes Forschungsprojekt, das in 16 Bänden die Judenverfolgung in den europäischen Ländern dokumentieren soll. Herr Dr. Ingo Loose, Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, Zweigstelle Berlin, die das gesamte Editionsprojekt koordiniert, war anwesend und erläuterte: Es geht darum, die Vielfalt der Perspektiven von Opfern und Tätern aufzuzeigen, eine Gesamtschau der Geschehnisse zu erarbeiten sowie parallele und unterschiedliche Entwicklungen herauszuarbeiten. Die drei Referentinnen haben je einen Beitrag für den 13. Band: »Die Verfolgung und Ermordung der Europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland: Slowakei, Rumänien und Bulgarien« (VEJ) verfasst, den Dr. Loose betreut.

Souzana Hazan, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben, schloss am 3. Juli mit dem Vortrag: »Die Juden Bulgariens zwischen Deportation und Überleben« den Beginn der Reihe ab. Zuvor stellte Frau Schönhagen die in Bulgarien geborene Referentin vor. Frau Hazan studierte Judaistik und osteuropäische Geschichte. 2009 begann sie ein Volontariat beim Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben. Sie übernahm im Rahmen des beschriebenen Editionsprojekts das Thema Bulgarien. Parallel dazu arbeitete sie sich in die jüdische Geschichte Bayerisch-Schwabens ein. Schließlich übernahm Souzana Hazan die Verantwortung für die Zweigstelle Kriegshaber des Kulturmuseums. Sie entwickelte den Multimediaguide zum jüdischen Kriegshaber und ist Co-Autorin der Broschüre »Das jüdische Kriegshaber«. Sie koordiniert das Ausstellungssekretariat in der ehemaligen Synagoge und ist maßgeblich auch als Kuratorin beteiligt an zahlreichen Ausstellungen.



Souzana Hazan begann ihren Vortrag mit der Feststellung, dass die kritische Aufarbeitung der Geschehnisse in Bulgarien noch in den Kinderschuhen steckt. Im Blick auf diesen Staat, einen Verbündeten Hitler-Deutschlands, besteht noch immer eine nur positive Lesart: Letztlich überlebten 49.000 Jüdinnen und Juden die Shoa. Erwiesenermaßen gab es bei der Verfolgung und Ermordung von 11.000 jüdischen Menschen aus den bulgarisch besetzten Gebieten in Jugoslawien (Makedonien und Pirot) sowie Griechenland (West-Thrakien) eine bulgarische Mittäterschaft.

Die bulgarischen Juden waren zumeist Nachkommen der spanischen und portugiesischen Sepharden. 1838 wurde Bulgarien Nationalstaat. Die Jüdinnen und Juden wohnten überwiegend in den Städten, 50 % von ihnen allein in Sofia. Die meisten lebten in ärmlichen Verhältnissen, u. a. als Handwerker. Jüdische Mitbürger wurden rechtlich gleichgestellt, Antisemitismus spielte keine große Rolle. Boris III. stand an der Spitze einer Königsdiktatur. Das extrem rechte Lager wurde zwar auf Distanz gehalten, mit der zunehmenden Annäherung an das Deutsche Reich gelangten aber einige exponierte Vertreter in die Regierung und den Staatsapparat.

Im 2. Weltkrieg (Klick auf die Karte zum Vergrößern) stand die bulgarische Regierung an der Seite des Deutschen Reiches und erreichte damit die weitgehende Erfüllung ihrer territorialen Expansionswünsche. Antijüdische Gesetze wurden trotz breiter Proteste noch vor dem Bündnis mit dem Deutschen Reich erlassen. Jüdische Männer wurden daraufhin zur Zwangsarbeit verpflichtet. Es entstanden Arbeitslager, die Handelstätigkeit wurde schrittweise eingeschränkt. 1942 begann die Vorbereitung von Deportationen. Ende 1942 machte sich auf bulgarische Initiative hin mit einer Kennzeichnungspflicht und der »Bulgarisierung« jüdischer Unternehmen eine stärkere Orientierung an deutschen Verhältnissen bemerkbar. Das Auswärtige Amt forderte im  Sommer die »Freigabe« von einigen Hundert bulgarischen Juden zur Deportation, die im deutschen Machtbereich lebten. Die bulgarische Regierung willigte ein. Sie forderte die Einsetzung eines deutschen Beraters für die Deportation. Gegen die Kennzeichnungspflicht regten sich Proteste auch durch hochrangige Vertreter der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche.

Die jüdischen Menschen rechneten zunehmend mit einer Aussiedlung nach Polen »zur Schlachtbank«. Die bulgarische Regierung erklärte sich dem deutschen Berater gegenüber bereit, Juden auszuliefern. Im Februar 1943 wurde ein deutsch-bulgarisches Abkommen über die Auslieferung von zunächst 20.000 Juden abgeschlossen. Den 12.000 Juden in den bulgarisch besetzten Gebieten, die alle zur Deportation freigegeben wurden, sollten weitere 8.000 aus dem Kernland hinzugefügt werden. Mit der geänderten Kriegslage wuchs jedoch auch die Sorge um innere Widerstände. Obwohl die Forderung nach einem Stopp der Vertreibungen in breiten Kreisen der Bevölkerung immer lauter zu vernehmen war, wurden die Repressionen fortgesetzt, etwa mit der Versteigerung jüdischer Wertsachen.

Die Deportation aus den besetzten Gebieten wurde mit großer Brutalität durchgeführt und mit der Übergabe von 11.300 Juden durch die bulgarischen Behörden abgeschlossen. Die Vorbereitungen auf diese Aktion führten im Kernland zu Empörung und Anteilnahme. Verschiedene Proteste, u. a. seitens des Vizepräsidenten des bulgarischen Parlaments und Abgeordneten, führten zu einem vorläufigen Stopp der Vertreibung. Der offizielle Kurswechsel brachte aber keine Erleichterung. So befahl der Monarch im Mai 1943 die Ausweisung der Juden aus Sofia in die Provinz, ein Schritt, der von den Betroffenen als Vorstufe zur Deportation angesehen wurde. Letztendlich vollzog die bulgarische Führung diesen Schritt aber nicht mehr, aus Sorge vor der geänderten Kriegslage und aufgrund von Protesten im In- und Ausland. Gegenüber dem NS-Regime wurde eine Hinhaltetaktik praktiziert. Im September 1944 marschierte die Rote Armee ein, einen Monat später annullierte die neue, kommunistische Regierung endgültig alle antijüdischen Maßnahmen. Die geänderte Kriegslage führte zum Ende der Verfolgungen. Heute leben in Bulgarien etwa 5.000 Juden, sehr viele sind ausgewandert.

Der erste Vortrag von Dr. Mariana Hausleiter fand am 15. Mai statt: »Die Vernichtung von Juden und Roma durch die Armee Rumäniens im Zweiten Weltkrieg«. Rumänien kämpfte an der Seite des NS-Regimes gegen die Sowjetunion. Über 250.000 Juden wurden aus Bessarabien und der Bukowina in die Ukraine deportiert, ein Drittel von ihnen kam um. Auch etwa 11.000 deportierte Roma starben. Kurz vor dem Kampf um Stalingrad vollzog Diktator Antonescu eine Kehrtwende, die verbliebenen Juden wurden nicht mehr an die SS ausgeliefert.

Am 19. Juni referierte Barbara Hutzelmann zum Thema: »Ich flehe um Gnade für mein einziges Kind. Die Verfolgung und Ermordung der slowakischen Juden«. Die 1939 gegründete Slowakische Republik erließ umfassende antisemitische Gesetze, etwa 89.000 Jüdinnen und Juden wurden entrechtet und beraubt. Fast 58.000 slowakische Juden wurden in Vernichtungslager und Gettos verschleppt, nur wenige überlebten. Nach Ausbruch des slowakischen Nationalaufstandes rückten Wehrmacht und SS ein und deportierten bis April 1944 Tausende in die deutschen Konzentrationslager.

Eine Fortsetzung der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« noch im Herbst ist geplant.

www.jkmas.de
www.bukowina-institut.de


Foto oben: Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben

Karte: Peter Palm, Berlin, in: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (VEJ), Band 13: Slowakei, Rumänien und Bulgarien. Walter de Gruyter GmbH, Berlin 2018.

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