Schleifen – auch für Schaulustige

Iacov Grinberg
17. März 2016

Vielleicht gehören auch Sie, liebe Leser, zu den zahlreichen Neugierigen und Schaulustigen. Wir machen verschiedene Werksbesichtigungen, von uns mehr oder weniger bekannten oder ganz unbekannten Branchen. Wir möchten sehen – und verstehen – was und wie produziert wird.

Als ein solcher Interessent habe ich die jährliche Messe GrindTec, die schon seit 1998 auf dem Messegelände stattfindet, besucht und wurde freigiebig belohnt. Erstens mit der Atmosphäre einer internationalen, spezialisierten Messe. Keine lästigen Angebote von Brillenputzmitteln und Universalklebern, Banken und Versicherungen. Gastronomie ist natürlich präsent – Essen muss man – aber es spielt eine ganz untergeordnete Rolle. Kein „panem et circenses“. Sowohl Aussteller als auch Besucher sind anders: sehr viel Menschen in Anzügen mit Krawatten, keine gleichgültigen Blicke rundum. Es gibt einen Shuttlebus bis zum Münchner Flughafen. Das Ausgestellte widerspiegelt den neuesten Stand der Branche. Ganz moderne Technik mit vielen laufenden Werkzeugmaschinen, neue Entwicklungen mit zahlreichen Vorträgen. Die Gespräche sind in Fachchinesisch und haben einen anderen Ton – hier sprechen Spezialisten miteinander. Es erinnerte mich an meine Messeteilnahmen vor dem (Un)Ruhestand, diesmal war ich aber kein Spezialist, nur ein Schaulustgier.

Ich habe eine Vorstellung vom Schleifen, beschäftigte mich damit zu Beginn der 80er, was in zwei meiner patentierten Erfindungen SU 914 257 und SU 1 178 574 mündete. Seit damals hatte ich mit diesem Bereich nur wenig Kontakte und war jetzt überrascht von der großen Entwicklung der Technologie in den vergangenen 30 Jahren.

Prinzipiell hat der Prozess des Schleifens sich nicht verändert. Sie kennen ihn sicher selbst noch aus der Kindheit, vom Schärfen von Messern: Die Bearbeitung von Metalloberflächen mit Hilfe eines rotierendes Schleifsteines oder eines Schleifpapiers. Die Ergebnisse dieses Prozesses sind vor uns meistens verborgen. Wir sehen in der Regel nur die äußeren gefärbten oder chromierten Oberflächen der Maschinen. Doch was für die reibungslose Arbeit der Maschinen sorgt, die bis zum Spiegelglanz geschliffenen Oberflächen, das bleibt unter der Motorhaube, im Inneren der Mechanismen.

Aber die technologischen Abläufe sind heute prinzipiell und drastisch verändert. Früher musste man sich auf die Kenntnisse und das Fingerspitzengefühl von hochqualifizierten Schleifern verlassen. Heutige computergesteuerte und automatisierte Werkzeugmaschinen brauchen Spezialisten in Instandhaltung, Justierung und Programmierung. Roboterarme sind bei diesen Werkzeugmaschinen eine Selbstverständlichkeit. Und fast alles ist auf dieser Messe nicht nur präsent, sondern funktioniert auch! Diamantwerkzeuge, die damals nur mit der Genehmigung von den Bossen zu beschaffen war, sind heute alltäglich. Ganz neue Arten von Keramik und Legierungen, lasergestützte Kontrolle, Werkzeugmaschinen für Massenproduktion oder auch individuelle Fertigung. Das Gesehene hat meine Vorstellungen über die moderne Technologie stark verändert.

Sie können sagen, dass kann nur einen „Halbeingeweihten“ wie mich beeindrucken, so wie ein altes Zirkusroß Marschmusik hört und zu tanzen beginnt. Aber meine Begleiter, die Fotografen, die keine Beziehung zum Maschinenbau haben, waren auch stark beeindruckt. Ich kann Ihnen, liebe Leser, nur empfehlen, am Samstag, wenn die Fachleute ihre Geschäfte erledigt haben und Sie ihnen nicht stören werden, diese Messe bis zum 19. März zu besuchen. Es lohnt sich, das Ausgestellte nicht nur anzuschauen, sondern auch zu bewundern.
(Iacov Grinberg)

www.grindtec.de

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