Schlinge und Antrieb

2. Februar 2019 - 9:04 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch mit den Grandhotel Cosmopolis-Aktivistinnen Micha Kfir und Susa Gunzner-Sattler über Wege aus der Krise.

Das Grandhotel Cosmopolis ist ein vielfach ausgezeichnetes soziokulturelles Vorzeigeprojekt, mit einer Strahlkraft weit über unsere Region hinaus. Seit sechs Jahren ist es in gleichem Maß Anlaufstelle für Reisende und Flüchtende. Kein anderes Thema aus unserer Region erreichte die internationale Medienpräsenz des Grandhotels, das zum Vorbild für zahlreiche internationale Hilfsprojekte wurde und so zum Botschafter für die Friedensstadt Augsburg. Doch das Haus hat mit massiven finanziellen Problemen zu kämpfen, die die Existenz des Grandhotels Cosmopolis ernsthaft bedrohen. 


Ende letzten Jahres habt ihr einen Brandbrief veröffentlicht, weil euch in finanzieller Hinsicht das Wasser bis zum Hals steht. Wie ist momentan die Stimmung bei den Hoteliers?

Susa Gunzner-Sattler: Im Moment hat sich die Situation etwas gebessert. Nach dem Schritt in die Öffentlichkeit haben wir weltweit unglaublichen Zuspruch erhalten. Haupttenor war: Euer Projekt ist so großartig, es darf nicht schließen, was können wir tun, welche Hilfe können wir anbieten? Wir sind von der Solidarität total überwältigt. Sie hat uns auch etwas Geld gebracht, mit dem wir erst einmal das Feuer löschen konnten. Jetzt geht es darum, das Hotel langfristig zu stabilisieren, was ohne institutionelle, langfristig angelegte Förderung sehr schwierig sein wird.

Micha Kfir: Wir haben aber auch einen Freundeskreis eingerichtet. Das ist ein Förderverein, der sich an alle Menschen wendet, die uns langfristig und regelmäßig finanziell unterstützen wollen. Auch über diesen Weg versuchen wir eine bessere Planungssicherheit zu erreichen.

Warum war es in den letzten Jahren nicht möglich, trotz all des starken Zuspruchs das Projekt in finanziell in ein sicheres Fahrwasser zu steuern?
Susa: Ein Kernteam von zehn bis zwanzig Leuten trägt hier im Prinzip für alles die Verantwortung. Das bedeutet viel Arbeit für Menschen, die fast ausschließlich ehrenamtlich tätig sind. Hinzu kommt, dass wir hier in der Gemeinschaftsunterkunft mit Situationen konfrontiert werden, die sich nicht vorhersehbar und in keinem Arbeitsplan verzeichnet sind. Es passiert, dass ich morgens in die Arbeit komme und erfahre, dass eine Person aus unserem Haus einen Abschiebebescheid bekommen hat. Nun muss ich entscheiden, wo die Priorität liegt: Kümmere ich mich jetzt um den aktuellen Fall oder um meinen Dienstplan?

Solch ein Spannungsbereich würde die meisten Menschen überfordern.

Susa: Wir haben uns diesen Auftrag selbst übertragen, wurden also nicht beauftragt. Darum gibt es auch kein Bezahlsystem. Das ist der große Haken an der Sache. Das haben wir im Vorfeld nicht weitgehend genug durchdacht. Es müsste im Hotel klarere Aufgabentrennungen geben. Das Thema gehen wir gerade an.

Gab es denn keine regelmäßige Förderung eures Projekts durch die Stadt?

Susa: Doch, aber nur als Jahreszuschuss von etwas mehr als 10.000 Euro. Und der geht nicht einmal direkt an uns, sondern wird an die Diakonie überwiesen.

Warum habt ihr nicht schon viel früher eure finanziellen Forderungen auch gegenüber der Stadt deutlicher formuliert?

Micha: Das haben wir immer wieder versucht. Wir haben unsere Beziehungen gepflegt. Wir haben Förderanträge gestellt. Aber letztendlich sind wir zwischen allen Stühlen gesessen. Die Verwaltung konnte uns weder klar der Kultur, dem Sozialen oder der Bildung zuordnen und wusste deshalb nichts mit uns anfangen.

Das Grandhotel Cosmopolis ist ausgewiesenes Vorbild für Projekte, die sich oft schneller und gründlicher professionalisiert haben. Was lernt ihr von diesen Kolleg*innen?

Micha: Uns ist klar, dass wir an einem Punkt sind, wo wir diese Professionalisierung durchziehen müssen. Was für uns auch schwierig ist. Denn gerade der experimentelle Charakter des Grandhotels hat all diese Dinge hervorgebracht, die nun als Vorbild dienen. Viele Probleme, die wir versuchen zu lösen, finden in diesem Laborrahmen statt. Aber einen Teil davon müssen wir professionalisieren. So haben wir zum Beispiel eine Akademie gegründet, in der wir die Erfahrungen weitergeben, die wir in all den Jahren gesammelt haben.

Ihr versucht in Zukunft also, aus der Identität und dem Know-how des Hauses Einkünfte zu generieren. Das hört sich spannend und ambitioniert an. Aber was meint ihr: Können in einem Team aus Freiwilligen, das verschiedene Talente, Fähigkeiten und Charaktere vereint, denn alle diese Professionalisierung mitgehen?

Susa: Das ist letztendlich die Herausforderung. Die verschiedenen Lebenskonzepte, die sich die Leute gebaut haben, um überhaupt an diesem Projekt teilzuhaben, bekommt man unter Umständen nicht alle unter.

Micha: Ich glaube, eines der Charakteristika des Grandhotels ist, dass jeder seine Art der Auseinandersetzung in die Gruppendynamik mit einbringt. Es haben sich viele Freundschaften gebildet und wir unterstützen uns gegenseitig. Natürlich knallt es auch einmal, allerdings haben wir eine gewisse Ausdauer darin entwickelt, nicht loszulassen und Menschen nicht einfach aufzugeben.

Ist die Idee Grandhotel so stark, dass sie diese Spannungen auf Dauer aushält?

Micha: Für mich ist es nicht die Idee an sich, sondern es ist der Wunsch, nicht aufzugeben. Gerade in der Realität, in der wir leben, ist das wahnsinnig wichtig. Da geht es mir persönlich nicht darum, Zeichen zu setzen, sondern uns gegenseitig nicht aufzugeben. Es ist einfach ein Anspruch von Menschlichkeit.

Susa: Wir lernen viel durch den Umgang mit den Geflüchteten hier. Viele Dinge, die wir als Probleme ansehen, sind nämlich wirklich Luxusprobleme. Wenn du mit Leuten sprichst, denen sie das Haus weggebombt haben, relativierst du alles ein bisschen.

Das Grandhotel ist eben nicht nur ein Kunstprojekt, sondern ihr arbeitet mit Menschen. Das beinhaltet eine besondere Verantwortung. Wie lebt es sich in diesem Spannungsfeld?

Micha: Wenn wir hier aufhören würden, beträfe das 65 Geflüchtete, die nicht einfach gehen können. Plus all die anderen Leute, für die wir so etwas wie ein Leuchtturm sind.

Susa: Ich glaube, manchmal ist diese Situation eine Schlinge, manchmal ist sie Antrieb.


Wer aktiv zum Fortbestehen des Grandhotels Cosmopolis beitragen möchte, hat die Möglichkeit, Teil des neu geschaffenen Freundeskreises zu werden. Weitere Informationen hierzu gibt es unter: grandhotel-cosmopolis.org/de/freundeskreis/

Desweiteren sind Spenden unter IBAN: DE85 7205 0000 0250 7801 29, SWIFT-BIC: AUGSDE77XXX möglich.


Foto: Severin Werner

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