Schlüsselindustrie Kultur

2. Februar 2020 - 7:45 | Jürgen Kannler

Die Stadt Augsburg wirtschaftet schlecht. Nicht zuletzt in Sachen Kultur. Eine Analyse

Am 15. März ist Wahltag. Die Bürger*innen in Bayern sind aufgerufen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen, die Sitze in den kommunalen Parlamenten neu zu vergeben. In Augsburg wird es im Rathaus wieder 60 Stadträt*innen geben und eine*n Oberbürgermeister*in.

In ihren Programmen ergehen sich Parteien und Wahlgruppen zu vielen Bereichen unseres politischen und gesellschaftlichen Lebens. Kulturelle Themen spielen dabei erfahrungsgemäß leider nur eine untergeordnete Rolle. So wird es auch beim Wahlkampf in Augsburg sein. Die Themen der Schlüsselindustrie Kultur bleiben links liegen oder werden im besten Fall am Rande gestreift.

Ein tieferes Verständnis für das komplexe Geflecht zwischen blühenden, kulturellen Szenen, zufriedenen Bürger*innen und einer ebenso modernen wie starken Wirtschaftsregion fehlt der Politik ebenso wie weiten Teilen der Bevölkerung.

Die Fähigkeit, Kultur als tragenden Teil unserer Infrastruktur – ähnlich den Verkehrswegen oder Kommunikationssystemen – zu erkennen, ist vielen versagt. Ein Grund dafür ist die eigene, oft kulturferne Daseinsform, mit der genügend Kandidat*innen kokettieren und damit immer noch bei Parteifreund*innen und Wähler*innen durchkommen.

Ein Blick auf die Liste der Kulturausschussmitglieder im Augsburger Rathaus genügt, um den Stellenwert der Kultur in unserer Politik zu erfassen. Die Leistungsbilanz in diesem Bereich nach einer Legislaturperiode GroKo aus CSU, SPD und Grünen ist niederschmetternd. Auf so gut wie allen Gebieten kulturpolitischen Schaffens in unserer Stadt ist Stagnation zu
verzeichnen.

Der a3kultur-Titel vom Februar 2016 verdeutlicht dieses traurige Bild. Die meisten Kulturbaustellen von damals sind heute noch aktuell. Die wenigsten fanden einen würdigen Abschluss. Dafür kamen einige neu, aber nicht unbedingt überraschend hinzu.

Um die Probleme unseres Kulturstandorts zu skizzieren, werden an dieser Stelle drei Themen aus einer über die Jahre viel zu lang gewordenen Liste hervorgehoben.


BRECHTSTADT

Am 14. Februar startet das Brechtfestival. Es ist wohl das elfte in Folge, jedoch je nach Zählung das vielleicht 14+xte in Summe. Diese numerische Erbsenzählerei wäre eigentlich ohne weitere Relevanz und ist dennoch von Bedeutung. Nämlich dann, wenn man der Ansicht ist, die Festivals könnten eine Programmreihe von insgesamt größerer Bedeutung sein. Stattdessen wird der Versuch unternommen, das Thema den Bürger*innen mit jeder neu bestimmten Festivalleitung quasi als Neustart zu verkaufen. Inhaltliche Bezüge zu den Vorjahren werden nur unzureichend herausgearbeitet. Erfahrungen, Kontakte, Entwicklungsmöglichkeiten bleiben damit oft genug auf der Strecke.
Das ist nicht den jeweiligen Programmmachern anzulasten. Die Verantwortung für die Stagnation in Sachen Brecht ist politisch gewollt. Einflussreiche Kreise sehen im wichtigsten Künstler, der von hier aus im letzten Jahrhundert die Welt verändert hat, einen Klassenfeind von unten, den es im Zaum zu halten gilt. So lässt sich erklären, dass sich außer diversen Lippenbekenntnissen über all die Jahre keine grundsätzlich positive Positionierung zu Brecht in Augsburg erkennen lässt.

Die Folgen für unseren Kulturstandort sind fatal. So ist der Zustand von Brechts Geburtshaus seit Jahren schlicht skandalös. Die von der Stadt finanzierte Forschungsstelle gerät immer wieder in die Kritik internationaler Brechtfachleute. Dem weltweit meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker als Besucher in Augsburg atmosphärisch näherzukommen ist eine der letzten großen Herausforderungen für Individualreisende in Bayern. Der Brechtpreis, immerhin der wichtigste Literaturpreis unserer Region, mäandert ziellos rund um das Festival. Die wiederholte Auftragserteilung an die Programmmacher des Brechtfestivals für nur ein statt wie von der Mehrheit der hiesigen Kulturarbeiter*innen nebst Kulturreferenten geforderten drei Jahren ist eine Farce. Zudem ist die finanzielle Ausstattung des Festivals so mangelhaft, dass am Programm beteiligte Künstler*innen oftmals nur Aufwandsentschädigungen statt eines echten Honorars für ihre Arbeit erhalten. Und diese Aufzählung ließe sich noch ein gutes Stück fortsetzen.


GLASPALAST

Dieser Kulturort im Textilviertel müsste längst ein Publikumsmagnet für Freund*innen der Gegenwartskunst weit über unsere Region hinaus sein. In den faszinierenden Räumen im Erdgeschoss arbeitet seit 2006 das H2 – Zentrum für Gegenwartskunst der Kunstsammlungen und Museen Augsburg. Sein Leiter Thomas Elsen hat das Haus, trotz bescheidenster finanzieller Ausstattung und gravierender infrastruktureller Probleme des Standorts, über die Jahre zu einem starken Museum mit beachtlicher eigener Sammlung und großartigen Sonderschauen geformt.

Dem H2 gegenüber residierte bis Ende letzten Jahres eine Dependance der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Nur mit einem Bruchteil der schöpferischen Willenskraft seines Nachbarn ausgestattet verkam dieser Teil des Glaspalasts im Lauf der Jahre zum teuersten Museumsdepot des Landes. Von jeher kam die Stadt Augsburg auch für die Miet- und Nebenkosten für die Sammlung aus München auf. In Summe mehr als 600.000 Euro jährlich.

2017 kündigten die Staatsgemäldesammlungen zum Jahresende 2019 ihr Engagement im Glaspalast endgültig auf. Die Stadt unternahm bis heute – nichts. Es gab weder erkennbare Proteste über das fehlende Engagement staatlicher Einrichtungen in Sachen Augsburger Kultur (in dieser Zeit kündigte auch die TU München ihr Engagement beim Architektur Museum Schwaben) noch einen moderierten Diskurs über die weitere Nutzung der kostspieligen Räume, deren Mietvertag noch bis ins Jahr 2024 datiert ist. Die fehlende Kommunikation wiegt bei diesem Thema umso schwerer, weil das Kulturreferat zeitgleich sein Kulturentwicklungskonzept um das Thema Museumslandschaft bereicherte. Im umstrittenen Ergebnisprotokoll vom Sommer 2019 findet die Zukunft des Glaspalasts mit keiner Silbe Erwähnung.

In den Fokus der Politik geriet das Thema erst, als die CSU vor wenigen Wochen ihre Idee von einem volldigitalen Römermuseum in diesen Räumen in ihr Wahlkampfprogramm aufnahm. Die langsam aufkeimende Diskussion um den Glaspalast ist damit genau genommen der OB-Kandidatin Eva Weber zu verdanken. Was natürlich nicht bedeutet, dass ihr Vorschlag von Fachleuten ernst genommen wird.

Ernst genommen werden sollten jedoch die eine Million Euro, die von der amtierenden Wirtschaftsreferentin für das Projekt ins Spiel gebracht wurden. Im Klartext sieht die Kämmerin bis ins Jahr 2024 einen siebenstelligen Betrag für Kulturarbeit im Glaspalast als reelle Option – und das ist doch eine gute Nachricht. Eine Summe, mit der man auch zielführend, interdisziplinär und unter Einbeziehung der Bürger*innen an diesem Ort neue Wege in der Kulturarbeit entwickeln könnte.


RESPEKT

Eine Festivalmacherin wird mit einem Zensurerlass konfrontiert. Der Intendant des Staatstheaters wird öffentlich geschurigelt, weil er vermeintliche Förderer seines Hauses so zur Kasse bittet, wie es der Leistung, die sie in Anspruch nehmen wollen, entspricht. Der Leiter der Kunstsammlungen und Museen wird wegen einer privaten Mietsache ins Kreuzfeuer der Medien geschickt. Alle ohne echte Chance auf öffentliche Verteidigung.

Der Umgang der Stadtspitze mit Kulturarbeiter*innen aus dem eigenen Haus ist oft fragwürdig. Die hier kurz umrissenen Fälle verliefen allesamt im Nichts, zogen aber dennoch großen Schaden nach sich. Nicht nur für die Angegangenen, sondern auch für unseren Kulturstandort als Ganzes.

Einer Gesellschaft, in der städtische Kulturarbeiter*innen schnell und gnadenlos zum Spielball von Politik und Medien werden, fehlt es an Respekt vor den betroffenen Menschen, aber auch vor ihrer Arbeit, ihrem Werk. Eigentlich läge es in der Verantwortung von OB- und Kulturreferat, sich vor ihre Mitarbeiter*innen zu stellen. Stattdessen kommt es im Kulturbereich immer wieder zu Attacken von oben nach unten.

Diese Beispiele machen deutlich, welchen Stellenwert bei unserer Politik der Kultur und ihren Macher*innen gegenwärtig zufällt. Das ist nicht nur bitter für die Protagonist*innen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Längst gehört diese Branche zu den wirtschaftlichen Leistungsträgern auch unserer Region.

Um sich weiter entwickeln zu können, braucht sie Freiheit, Raum und Förderung für ihr Schaffen, klare Strukturen auf der Basis gerechten, demokratischen und öffentlichen Austausches und den gesellschaftlichen Schutz, der für alle hier Lebenden und Arbeitenden selbstverständlich sein sollte. 


Abbildung (Illustration: Nontira Kigle) – Der a3kultur-Titel vom Februar 2016 beweist: Die meisten Kulturbaustellen von damals sind noch heute aktuell. Sie heißen Brecht, Kinder- und Jugendtheater, Bahnpark, Mozart, LMZ, Grottenau, Wasserstadt, Römermuseum, Gaswerk, Ateliers und Übungsräume, abraxas, Haag-Villa, Staats- und Stadtbibliothek, Halle 116 und Kulturentwicklungsplan. Nur die wenigsten fanden einen Abschluss, wie die Kresslesmühle, das Stadtarchiv oder das Theater. Letzteres durch staatliche Übernahme. Die neuen Kulturbaustellen sind oftmals abstrakter Natur. Es geht dabei um unsere vielfältige, sich verändernde Gesellschaft, mangelnden Respekt vor Kulturarbeit und den Wert der Dezentralisierung von Angeboten. Die prägendste Baustelle unserer Kulturregion ist natürlich im Theaterquartier zu finden. Die finanziell gegenwärtig nicht kalkulierbaren Bauteile 1 und 2 des Staatstheaters lähmen weite Bereiche unserer Kulturlandschaft.            

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