Das schlüssige Ganze

1. Mai 2016 - 8:20 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch mit Musiktheaterchef Georg Heckel über die neue Spielzeit am Theater Augsburg.

a3kultur: Herr Heckel, Sie sind am Theater Augsburg Direktor der Sparte Musiktheater. In der Spielzeit 2016/17 startet das Große Haus mit dem unglaublich populären Handlungsballett »Nussknacker« (24. September) in die neue Saison. Für Ihre Abteilung geht erst zwei Wochen später in der Brechtbühne der erste Vorhang hoch. Auf dem Plan steht »Die weiße Rose« (8. Oktober), eine Kammeroper von Udo Zimmermann, entstanden in den späten 60er-Jahren. Welches Potenzial sehen Sie für dieses Thema und Format in der Brechtbühne?
Georg Heckel: Wir haben diesen Programmpunkt gerade auch für ein junges Publikum angesetzt, wir wollen das Altersspektrum unserer Zuschauer kontinuierlich erweitern. Die Besucher erwartet keine vertonte Geschichtsstunde. Das Libretto der Oper besteht unter anderem aus Briefen und Tagebucheintragungen von Hans und Sophie Scholl – die ihr politisches Bewusstsein und ihre Haltung sehr jung mit dem Leben bezahlen mussten. Unter diesen aktuellen Gesichtspunkten glauben wir an diese Produktion (einer ebenfalls jungen Regisseurin), nicht primär unter dem Aspekt von Zuschauerzahlen oder Auslastung.

Die beiden nächsten Premieren im Herbst (»Tosca«, 29. Oktober, und »Idomeneo«, 4. Dezember) werden für das Große Haus produziert und gehören zur ganz großen Opernliteratur. Puccinis Tosca ist ja ein Charakter, der bedingungslos an die großen Gefühle glaubt und an die Liebe. Idomeneo dagegen ist ein alter, düsterer und brutaler Adliger. Reizen Sie solche Gegenparts eigentlich bei der Erarbeitung eines neuen Spielplans?
Es ist eher so, dass man eine Spielzeit am Ende der Planung als »rund« empfinden muss. Viele Aspekte, die man als Leitlinien aufgestellt hat, müssen ein schlüssiges Ganzes ergeben und sich gleichzeitig unter vielerlei Vorgaben als umsetzbar erweisen. Den »Idomeneo« hatte Juliane Votteler schon seit etwa drei Jahren in Planung, also noch vor meinem Antritt. Das ist Teil unserer Mozartpflege. Für die Inszenierung konnten wir Peter Konwitschny gewinnen, da können Sie sich vorstellen, dass die Termine einen gewissen Vorlauf haben. Wenn wir nun in zeitlicher Nähe die »Tosca« wiederfinden, hat das mehrere Gründe, allerdings kaum direkte dramaturgische Zusammenhänge.

Mozartpflege, das ist ein gutes Stichwort. Ihr Musiktheater spielt im Programm des Deutschen Mozartfestes 2017 keine Rolle. Das Orchester ist zumindest in das Abschlusskonzert (28. Mai 2017) eingebunden, bespielt aber noch wenige Tage vor der Festivaleröffnung am 15. und 16. Mai gemeinsam mit den Domsingknaben zweimal den Kongress am Park. Ungeachtet der Tatsache, dass Mariss Jansons dort am 13. Mai schon Mozarts »Requiem« mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gibt.
Da kommen schon Zweifel auf, ob es zwischen den einzelnen Verantwortlichen so etwas wie eine Koordination gibt. Ich kann natürlich nur für unser Haus sprechen. Wir haben uns schon frühzeitig mit Simon Pickel, dem künstlerischen Leiter des Festivals, verständigt, da aber zu dem Zeitpunkt die »Mozartplanung« schon langfristig fixiert war, ließ sich das für die nächste Spielzeit nicht mehr anpassen.

Vielleicht sprechen wir noch ein wenig über Verständigung. Als die neue Spielzeit vor Kurzem vorgestellt wurde, war der offiziell letzte Tag, an dem das Theater geöffnet sein sollte, der 14. Januar 2017, oder genauer gesagt der Termin des Opernballs. Danach sollte das Haus für Sanierungsarbeiten und Neubauten für einige Jahre geschlossen werden. Sie planten Ihr Programm aber trotzdem bis in den Juni und bekommen dieses Zeitfenster im Nachhinein vom Stadtrat wohl bestätigt. Steckt dahinter nur eine Kommunikationspanne, wie sie vom Kulturreferat angeführt wird, oder nicht auch eine ganze Portion Chuzpe? Schließlich hat ja allein das Musiktheater drei Premieren für ein geschossenes Haus geplant.
Sie können von außen natürlich nicht sehen, welche Eventualitäten wir immer noch zusätzlich versuchen von vornherein mitzudenken. Dass sich Zusammenhänge manchmal anders entwickeln, ist im Theater nicht ungewöhnlich. Aber auch dann sollte man nicht mit leeren Händen dastehen.

Mit den Opern »Kaspar Hauser« von Hans Thomalla (23. April 2017) und »Simplicius Simplicissimus« von Karl A. Hartmann (2. Juni 2017) stellen Sie eine verlorene Kindheit in unterschiedlichen Epochen gegenüber. Der »Hauser« hatte kürzlich in Freiburg Uraufführung und ist eine Kooperation mit dem dortigen Theater. Besonders der Countertenor Xavier Sabata, er singt auch in Augsburg die Titelrolle, begeisterte die Musikpresse. Haben Sie neuere und zeitgenössische Musik, die sehr allgemein formuliert nicht nur in Augsburg in der Regel weniger Aufführungen erfährt als die Klassiker, bewusst ans Ende der Spielzeit von Juliane Votteler gesetzt? Sie ersparen ihrem Nachfolger André Bücker, der ab Sommer 2017 die Intendanz am Theater Augsburg innehaben wird, womöglich die Suche nach einer Interimsstätte für diese beiden Produktionen.
Zeitgenössisches Repertoire war in dieser Intendanz schon länger ein Schwerpunkt. Die Kooperation mit den Kollegen in Freiburg war von Anfang an auch mit Xavier Sabata für Augsburg vorgesehen, und dessen Zeitfenster sind extrem eng. Angst vor übernahmefähigen Werken haben wir nicht, allerdings sind die technischen Voraussetzungen des Kongress am Park erst einmal grundsätzlich anders, das legt Wiederaufnahmen nicht nahe. Was den »Simplicissimus« angeht, bauen wir zurzeit noch an einem großen Abschlussprojekt von dem wir aber erst dann mehr verraten werden, wenn es geschnürt ist. Aber sich darauf zu freuen, das lohnt schon jetzt.

www.theater-augsburg.de

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