Theater & Bühne

Schöne neue Welt?

Dieter Ferdinand
14. März 2018

Von Zigarettenrauch ist der gesamte Raum erfüllt. Zwei Frauen und drei Männer sitzen um einen Tisch und diskutieren. Sie zitieren zusammengetragene 68er Texte. Erstaunlich ist, wie aktuell die Probleme noch immer sind. Es geht um Konsumzwang und falsche Bedürfnisse. Die weltweite Ausbeutung wird angesprochen. Gefordert werden die Veränderung von Schule und Uni sowie ein wirksamer Kampf gegen alte und neue Nazis. Ein Problem sind die Abfallberge. Die Angst vor einem Atomkrieg geht um.

Die Frauen argumentieren: »Die Emanzipation der Frau ist ein Gradmesser für die allgemeine Emanzipation.« Alle fünf kommentieren wie ein Chor in der Tragödie: Was kann das Theater bewirken? Die Kunst wird ihrer Kraft beraubt. Rebellion ist berechtigt. »Wir leben in einer vorrevolutionären Zeit.« Über allem steht die Forderung: »Alle Macht der Phantasie!«

Nach kurzen Reden auf der Straße zum Thema persönlicher Traum sehen wir ein friedliches, harmonisches, freizügiges Zusammenleben in einer Palmenhaus-Vegetation. Aus dem Off ertönt eine theoretische Abhandlung. Wir sind im Jahr 50 neuer Zeitrechnung. Das Raumschiff Erde schwebt im Weltraum: die Erde als Cyborg, der alles kontrolliert. Mensch und Maschine sind eins geworden. Die Menschen reden nicht miteinander, bewegen sich arrhythmisch. Je nach Bedarf schlucken sie Drogen und Pillen. Abgelehnt werden Leid, Schmerz und letztlich auch der Tod.

Raumfahrt sucht im Weltraum Ausweichmöglichkeiten, wenn die Erde unbewohnbar gemacht ist. Die 68er*innen wollten das Leben auf der Erde verändern. Es geht um die Verwandlung der Erde, auch wenn diese schwer zu machen ist: »Zur Bildung der Erde sind wir berufen.« (Novalis)

Die Darsteller*innen artikulieren vor der Pause deutlich und machen den ersten Teil spannend. Im zweiten utopischen Teil kippt das Spiel nach Schlaraffia und tappt in die Cyborg-Falle.

Am Ende deutlich mehr Applaus als Ablehnung; etliche Zuschauer*innen waren schon dem »Paradies« entflohen.


Nächste Termine: 15. und 23. März sowie 6., 13., 14. und 28. April.

www.theater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Marlene Hoffmann, Roman Pertl, Sebastian Baumgart, Patrick Rupar

Weitere Positionen

29. Juni 2022 - 7:00 | Renate Baumiller-Guggenberger

Der Augsburger Geiger Sandro Roy freut sich auf seinen Auftritt als Solist gemeinsam mit der Bayerischen Kammerphilharmonie am 3. Juli im Parktheater. Mit seiner selber komponierten »Fantasie für Violine und Orchester op. 4«, die er diesem Orchester gewidmet hat, gibt es sogar eine Welturaufführung!

27. Juni 2022 - 10:40 | Anna Hahn

Carl Orffs »Carmina Burana« bringt die Freilichtbühne zum Beben.

22. Juni 2022 - 11:00 | Jürgen Kannler

Bert Schindlmayr, Kulturmacher, Beobachter und Kommentator unserer Zeit, wird fehlen. Von Jürgen Kannler

22. Juni 2022 - 9:58 | Anna Hahn

»Kiss me, Kate« ist dieses Jahr die neue Produktion des Staatstheaters auf der Freilichtbühne. Die Premiere fand an einem traumhaft schönen Sommerabend statt. Dennoch kam die Frage auf, wo ist der Wumms?

17. Juni 2022 - 7:00 | Gast

Erster Augsburger Digitaltag 2022. Ein Gastbeitrag von Horst Thieme

15. Juni 2022 - 9:56 | Juliana Hazoth

Am 11. Juni feierte das hybride Schauspiel »Ugly Lies the Bone« der US-amerikanischen Autorin Lindsey Ferrentino auf der brechtbühne im Gaswerk Premiere.

13. Juni 2022 - 7:00 | Gast

Fast Fashion im Zeichen der Eskalationslogik globalisierter Ökonomie. Ein Gastbeitrag von Dr. Karl Borromäus Murr

10. Juni 2022 - 12:00 | Gast

In die Region: Eine Lebensreise auf dem neuen Lechradweg. Ein Gastbeitrag von Ingrid Yasha Rösner.

9. Juni 2022 - 11:22 | Iacov Grinberg

Am 10. Mai fand im Rokoko-Garten im Schaezlerpalais die Vernissage »Kunst im Garten« statt. Die neueröffnete Ausstellung zeigt Arbeiten von international bekannten Künstlern, die in dem Garten installiert wurden. Das Ausstellen von Kunstwerken im Freien ist für die Kunstsammlungen und Museen Augsburg ein neues Terrain. Iacov Grinberg besuchte die Ausstellung.

8. Juni 2022 - 10:00 | Dieter Ferdinand

Rafael Seligmann legt den Abschluss seiner »Familiensaga« vor. Eine Buchempfehlung von Dieter Ferdinand.