Eine Schönheit mit teils verborgener Bedeutung

26. Oktober 2016 - 21:15 | Iacov Grinberg

Gastspiel vom Schattentheater »Fusion Wayang Kulit« aus Malaysia im Abraxas.

Wenn wir ein Bild anschauen, auf dem einer der Apostel dargestellt ist, können wir nicht entziffern, welcher von ihnen es ist, da wir nicht die Attribute kennen, die diesen Apostel definieren. Ohne diese Kenntnis können wir nur die Schönheit und die malerische Qualität des Bildes einschätzen, ohne den tieferen Sinn des Bildes zu verstehen. Wenn wir eine Episode einer uns nicht bekannten Seifenoper anschauen, können wir diese ebenfalls nur oberflächlich verstehen und beurteilen. Eine ähnliche Situation trat für die Zuschauer des Schattentheater aus Malaysia »Fusion Wayang Kulit« auf, das am 22. und 23. Oktober im Abraxas gastierte. Als erster Teil wurde eine Episode aus dem gigantischen Epos »Ramayana« gespielt.

Die fein aus dünnem durchsichtigem Pergament geschnittenen und bunt bemalten Figuren waren beeindruckend. Ihre Projektion auf Leinwand war wirklich bilderbuchschön. Aber warum war eine Figur grün und eine andere braun oder rot bemalt? Auch die Namen der Protagonisten trugen Bedeutung in sich, was wir nicht wussten. Nur zufällig erfuhren wir, dass Hanuman nicht nur der älteste Sohn von König Rama, sondern auch König der Affen ist.

Die Bühnenhandlung wurde von einem malaysischen Gamelan-Orchester begleitet, das traditionelle Melodien mit traditionellem Gesang spielte. Wir erkennen in unserer Kultur bei uns bekannten Melodien, worum es geht: ist es ein Militärmarsch oder Hochzeitsmarsch. Welche Stimmung die uns völlig unbekannten Melodien des Gamelan-Orchesters bei der einen oder anderen Mise en Scène vermitteln sollten, wussten wir Zuschauer nicht.

Die Figuren hatten sehr komplizierte Ornamente, deren Bedeutung für uns leider ebenfalls kaum verständlich war. Bei der Einführung zum zweiten Teil – einer Übertragung von »Star Wars« in das traditionelle malaysische Theater – erklärte man uns, wie die an die Tradition anknüpfenden Figuren für dieses moderne Epos entstanden, welche traditionelle Figuren dabei umgestaltet wurden und welche Elemente ihrer Ornamentik den in die Welt des traditionellen Malaysischen Theaters eingeweihten Zuschauern eindeutig verraten, wer ein weißer Ritter, wer ein Bösewicht, wer ein treuer Diener und wer ein Verräter ist.

Ungeachtet all dieser Nörgelei war die Vorführung dieses für uns ungewöhnlichen Theaters sehr eindrucksvoll, was der völlig verdiente Beifall des überfüllten Saals bestätigte. Aber ein Gedanke lässt mich nicht in die Ruhe. Vielleicht wäre es zweckmäßig, bei solchen Theaterstücken aus anderen Kulturen ein »erweitertes Libretto« mit einer Erklärung der uns nicht bekannten Symbole und Beziehungen zu haben. Nicht erst vor der Aufführung, sondern im Voraus. Natürlich passt dessen Erstellung in keinen Zeit- und Finanzplan, das ist ein typischer Fall bei ehrenamtlicher Tätigkeit. Man kann nicht erwarten, dass die Organisatoren des Gastspiels, die »Freunde der Augsburger Puppenkiste«, damit beschäftigt werden. Letztlich ist jetzt schon der organisatorische Aufwand, den sie meistern, gewaltig. Doch es gibt in Augsburg eine lose, aber effektive Vereinigung von Ehrenamtlichen, das »Freiwilligenzentrum bzw. Bündnis für Augsburg«, das schon effektiv mit dem Staatlichen Textil- und Industriemuseum zusammenarbeitete. Oder können Sie, lieber Leser, eine andere Möglichkeit vorschlagen? Ein solches »erweitertes Libretto« wäre für sicher alle nützlich.

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