Schutz und Deportation in Südeuropa

6. Dezember 2018 - 10:36 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben setzte am 27. November seine Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« mit dem Vortrag über Italien fort.

»Die Italiener gehen außerordentlich lax mit den Juden um. Der italienische Faschismus wagt es nicht, in die Tiefe zu gehen.« Mit dieser Aussage von Joseph Goebbels begann Sara Berger (Foto: Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, Klick zum Vergrößern) von der Fondazione Museo della Shoah, Rom ihr Referat »Konflikt und Kollaboration mit dem Achsenpartner: Vom Schutz jüdischer Bürger in den italienisch besetzten Gebieten bis zur Verhaftung der Juden in Italien (1943 – 1945)«. Sara Berger war für den Italien-Teil im 14. Band von Die Verfolgung und Ermordung der Europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland (VEJ) zuständig. Die Veranstaltung am 27. November war die Fünfte in der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust«, wiederum in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und dem Bukowina-Institut an der Universität Augsburg.

In Italien gerieten im September 1943 etwa 40.000 Jüdinnen und Juden unter deutsche Besatzung. 7.500 von ihnen wurden in den KZs Auschwitz, Flossenbürg und anderen ermordet. Italienische Behörden und faschistische Organisationen kollaborierten 1943 – 1945 mit den Nazis. Lax waren sie nur im Vergleich zum NS-Regime.

Bis in die Mitte der 30er-Jahre waren jüdische Menschen gleichgestellt. Seit 1938 wurden sie durch die antijüdische Gesetzgebung als Rasse definiert und zunehmend aus dem öffentlichen Leben, der Kultur und den Schulen verdrängt. Ausländer*innen mussten das Land verlassen, für viele blieben nur Emigration oder Selbstmord. Mit den antijüdischen Gesetzen seit 1938 erfolgte der vollständige Ausschluss der Juden aus der Gesellschaft. Der antijüdische Ton wurde zugunsten eines guten Verhältnisses zu Nazi-Deutschland verschärft. Tausende wurden in Lagern interniert. Trotzdem waren sie vor Deportation geschützt, sie mussten auch keinen Judenstern tragen. Bis 1943 hatte Italien in den besetzten Provinzen Frankreichs und Südosteuropas die dortigen Jüdinnen und Juden nicht ausgeliefert.

Mussolini leitete ab Ende 1943 eine unter deutscher Herrschaft stehende Marionettenregierung in Salò am Gardasee. Ein Verwaltungsapparat der deutschen Besatzer wurde aufgebaut mit Gestapo, Kripo und Sicherheitsdienst (SD). Ein mobiles Einsatzkommando wurde gebildet, das Verstärkung durch lokale Polizeieinheiten fand. In Rom wurden aus dem ehemaligen Getto und anderen Stadtteilen 1.259 Juden von 365 Männern verhaftet und über 1.000 nach Auschwitz gebracht. 15 Männer und eine Frau überlebten. Papst Pius XII. war informiert, unterließ es jedoch, die Verhaftung öffentlich anzuprangern. In Hunderten von Klöstern fanden Jüdinnen und Juden Schutz. Später wurden sie auch aus Klöstern heraus verhaftet und deportiert. Nach einer italienischen Verhaftungsanordnung im November 1943 wurden Tausende Jüdinnen und Juden auch durch italienische Einsatzkräfte interniert und den Deutschen zur Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz und andere Lager ausgeliefert. Allein in Rom gab es Hunderte von Denunziationen. Fossoli (Carpi) war das zentrale unter deutscher Verwaltung stehende Durchgangslager. Die Befehle kamen aus dem Reichssicherheitshauptamt.

Aktiv im Widerstand war auch Primo Levi, der seine Erinnerungen 1947 im Buch »Ist das ein Mensch?« (1961 auf Deutsch) festhielt. Manchen wurde geholfen, etwa durch Führung auf geheimen Wegen in die Schweiz und mit falschen Pässen. Dabei arbeiteten jüdische Hilfsorganisationen und Teile des Klerus zusammen. 1944 wurde in Bozen ein weiteres Durchgangslager eingerichtet. Dort gab es viele Verhaftungen, Angriffe von faschistischen Schlägertrupps, Jagd auf Mitglieder des Widerstandes.

Die juristische Aufarbeitung nach dem Krieg versandete in Italien bald. Schließlich gab es sogar eine Generalamnestie. Als Gerechte unter den Völkern in Yad Vashem wurden 694 Italiener*innen ausgezeichnet.

Der sechste Vortrag der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« findet am 9. Mai 2019 um 18:15 Uhr im Bukowina-Institut, Alter Postweg 97a, statt. Prof. Dr. Dieter Pohl, Klagenfurt spricht zum Thema: »Der Holocaust in der Ukraine«.

www.jkmas.de

Foto unten (Klick zum Vergrößern): Das von Italienern eingerichtete Lager Fossoli (Carpi) fungierte 1944 als Durchgangslager für die von Einsatzkräften der Italienischen Sozialrepublik verhafteten Jüdinnen und Juden. © Centro di Ricerca Etnografica del Comune di Carpi – Foto Gasparini

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