Schwamm drüber!

26. Februar 2020 - 11:14 | Gast

Eine ganz persönliche Brechtfestival-Bilanz. Von Knut Schaflinger

Es ist vorbei! Und als es vorbei war, dachte ich, es ist gut, dass es vorbei ist. Ich dachte nicht: endlich! oder Gottseidank! Auch nicht: schade! Ich dachte nur: gut, dass es vorbei ist.

Denn:
• der Kopf rauschte – das kam vom Hören, vom Schauen, vom Wegsehen, vom Staunen, vom Reden und, vielleicht, vom Nachdenken auch.
• die Beine schmerzten – das kam vom vielen Anstehen, vom viel zu langen Warten, vom Hin- und Hergerenne.
• der Nacken rebellierte – das kam zunächst einmal vom Wenden des Halses von der Bühne zu den Monitoren und wieder zurück. Ein andermal vom Suchen, wo es Bier gäbe und wo jemand zu finden wäre, der einem sagen würde, wie man reinkäme, dort, wo man rein gehen wollte. Ging aber nicht.

Natürlich stimmt es, wenn Jürgen Kuttner sagt: »Wenn auf dem Rummel die Geisterbahn voll ist, dann ist sie eben voll.« Na klar, wenn die Nacht finster ist, ist sie eben finster! Aber wenn der Rummel als Schmalspurbahn daher kommt, ist der Rummel eben falsch geplant.

So war denn, was ich sehen konnte, nicht immer, was ich sehen wollte. Und wo ich Platz fand, fand sich auch noch reichlich Luft nach oben.

Wegen Überfüllung geschlossen! Das mag, der Zahlen wegen, die Veranstalter freuen, da mag sich, als marktwirtschaftlicher Coup, die Neuausgabe von Karten gelohnt haben, fürs Publikum ist es, wenn es zum Programm gemacht wird, ein Ärgernis. Von den Horatiern kommend, bei Charly Hübner anstehen – vergeblich! Auf Wuttke wartend, von der »Mini Playbrecht«-Show leidlich amüsant für Anspruchslose unterhalten, vom Standplatz auf der Treppe im Foyer nach einer halben Stunde mit dem Hinweis vertrieben, dieser Aufstieg sei frei zu machen, weil ein Fluchtweg.

Ja, flüchten, das wollte ich. Oft!

Aber dann kam doch noch Martin Wuttke, ich blieb, an die Wand gedrückt und geklebt und auch Martin Wuttke klebte Buchstaben an die Wand, so als wäre kein Platz mehr für Sprache und Text. Versalien zunächst, sinnfrei, und irgendwie ahnte man, neu geschüttelt und gerüttelt, könnten sich daraus die Worte »Der Schnittchenkauf« zusammensetzen lassen, aber da würde ein Buchstabenrest bleiben und so, ja, als Überbleibsel, hörte sich auch der Text auch an, den Marin Wuttke uninspiriert vorzulesen sich vorgenommen hatte. Aus den Gedanken von René Pollesch, bald Intendant der Volksbühne Berlin, konnte zumindest ich mir kein Schnittchen, geschweige denn eine Scheibe Erkenntnis abschneiden.

Also doch flüchten? Oder würde gar Brecht höchstselbst zu uns sprechen: »Geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt.« Alles gut also?

Nein! Es reicht eben nicht, was die Kuratoren schon im Dezember bei der Vorstellung des Programms anmerkten, nämlich mit Leuten wie Martin Wuttke keinen Vertrag zu machen. Der kommt einfach. Und wie. Netzwerk ist gut, Stars sind gut, Engagement und Ernsthaftigkeit wären es auch.

Dann gäbe auch keinen Grund zum Meckern. Wie überhaupt die Kuratoren ihre Arbeit unter der Zirkuskuppel mit einem ziemlich simplen Trapez zu sichern vermochten: alles spontan, alles im status nascendi. Da wurde schon vor Beginn gegen Kritik vorgebeugt und gegen Erwartungen auch. Das Nichtfunktionieren als neue Qualität etikettiert. Bei allem Wohlwollen: Das reicht aber nicht!

Gewiss, es gab großartige Momente. Berührende. »Der Auftrag. Eine Erinnerung an eine Revolution«. So geht Theater. Episches. »Das Wesentliche am epischen Theater ist vielleicht, dass es nicht so sehr an das Gefühl, sondern mehr an die Ratio des Zuschauers appelliert. Nicht Miterleben soll der Zuschauer, sondern sich auseinandersetzen.« Sagt Brecht. Bingo! Das hat geklappt. Großartig Corinna Harfouch. »Der Auftrag«, eine Koproduktion des Schauspiels Hannover mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, zum Auftakt präsentiert, freilich schon fünf Jahre alt.

Warum aber in die Ferne schweifen, läge das Gute doch so nah. Produktionen aus Augsburg, ja das gabs auch. Gutes Schülertheater. Engagiert. Aber lässt sich damit wirklich Staat machen? Oder nur aus der Not eine Tugend? Zu geringer Etat, zu wenig Planungssicherheit, zu kurzer Vorlauf? Das müsste die Stadtpoltitik klären. Endlich! Und wenn sie es nicht kann: nachdenken! Länger!

Über den »Švejk/Schwejk« zum Beispiel, eine Koproduktion des Staatstheaters Augsburg mit den Städtischen Bühnen Prag. »Da will ich mir mal«, mit Brecht, »das Maul verbrennen.«: Das war entschieden zu wenig, ging an mir, dem Zuschauer, buchstäblich, vorbei. Die Übersetzungen aus dem Tschechischen von Monitoren in der Größe von Zündholzschachteln lesen zu müssen, nenne ich eine Zumutung. Es nötigt mich, meine Aufmerksamkeit entweder dem Geschehen auf der Bühne oder dem Text zu widmen – ganz so, als wollte mir die Regie irgendetwas verbergen. Dass die Produktion am Ende die Entprofessionalisierung des Theaters als Klamauk ausgibt, ist den Statisten nicht anzulasten, aber Sätze wie: »Du sollst nur sprechen, wenn du gefragt wirst«, oder »der Mensch ist alles«, oder so ähnlich, nein, da will ich dann, wieder mit B.B. »nichts lieber, als etwas anders.«

Lars Eidinger (Foto: Christian Menkel) vielleicht. Der uns den Brecht aus der Hauspostille vorträgt, wie er sich abgearbeitet hat an den Rändern der Gesellschaft. Ja, da blitzte mir jener Geist auf, der mich rief, endlich zu hören und zu sehen, weswegen es sich hätte lohnen können, Gast beim Brechtfestival gewesen zu sein.

Und die Lange Brechtnacht? Schön, dass die Bude voll war – aber, dass der Großteil des, großartiger Weise, vor allem jugendlichen Publikums, Voodoo Jürgens wegen kommen würde, hätten die Veranstalter ahnen können. Den Wiener und sein Publikum in eine Schuhschachtel zu zwängen nenne ich mangelnde Weitsicht. Oder man kennt sein Publikum nicht. Oder nimmt es nicht ernst.

Und Brecht an diesem Abend? Na gut, Hauptsache die Leute versammeln sich hinter seinem Namen und denken, wenn Voodoo Jürgens mit Wiener Schmäh und hinterfotzig singt »Heite grob ma Tote aus« an a scheene Leich!

Derweil sich The Notwist mit dem Rechner quälte, Gisbert zu Knyphausen mit der Stimme, hing ein Teil des Publikums zwischen Tür und Angel fest. »Eine kleine Festivität kann nicht schaden«, hat uns Brecht gelehrt.

Summiert sich all diese Beliebigkeit zu einem Festival, trägt das über zehn Tage, hat all das Fragen gestellt, beantwortet? Nein! Es blieb ein bunter Haufen Konfetti, in der Faschingswoche manchmal kühn, manchmal delikat aber, wie mir schien, zu häufig probeweis nur in die Luft geworfen und vom Wind verblasen. Immerhin: ein Zentrum im martini-Park. Immerhin: auch Handwerk. Immerhin: überraschende, witzige, gute Gespräche in den Warteschlangen. Aber: zu viel Zufall, zu viel unfertige Werkstattberichte, zu viel Planloses. Zu wenig Inspiration. »Das Chaos ist aufgebraucht.«

»Reden über Angelegenheiten, die durch Reden nicht entschieden werden können, muss man sich abgewöhnen.« Sagt Brecht.

Schwamm drüber!

www.brechtfestival.de


Knut Schaflinger, geb. 1951 in Graz/Österreich, Studium in Wien, bis 1995 freier Filmemacher beim Bayerischen Fernsehen in München. Bis 2016 Redakteur und Chef vom Dienst bei den ARD-Tagesthemen in Hamburg. Ehemals Dozent an der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und an der Bayerischen Akademie für Fernsehen in München. Wohnhaft in Augsburg.

Ehem. Mitarbeit in freien Theatergruppen in Wien, Graz, München und Augsburg. Lyriker. Veröffentlichungen in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien, elf Einzelbände, letzter Titel: »Die Unentbehrlichkeit der Farben«, Gedichte, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist/Köln, November 2018. Mehrere Auszeichnungen und Preise, u. a. Finalist Christine-Lavant-Preis 2003, Lyrikpreis Feldkirch 2005, Nominiert für den Dresdner Lyrikpreis 2014.

 

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