Theater & Bühne

Sechs Seelen in der Brust?

Dieter Ferdinand
10. Oktober 2017

Sucht ist Suche. André Bücker stellt seine erste Spielzeit unter die Überschrift »Sinnsucht«. Die Suche nach Lebenssinn ist das Thema von Henrik Ibsens Drama »Peer Gynt«.
 
Peers Vater hatte sich nach einem Bankrott zu Tode gesoffen. Peer verlässt Mutter Aase und Solvejg, die ihn liebt und versteht. Er sucht seinen Sinn wiederholt in deutlich dargestellter Sinnlichkeit, etwa bei der Tochter des Trollkönigs. Trolle leben das Motto: »Sei dir selbst genug.« Der Krumme fordert: »Geh außen herum.« Peer umgeht die Probleme. Noch einmal kommt er nach Hause, wo Aase in seinen Armen stirbt.

Später landet er in einem Palmenwald an der Küste Marokkos als Sklavenhändler und Reeder, dann im Zelt eines Araberhäuptlings, wo er als Prophet verehrt wird. Auf dem Tiefpunkt seiner anarchischen Laufbahn kommt Peer in die Psychiatrie bei Kairo und wird dort als »der Selbstsucht Kaiser« gekrönt. In der Nordsee strandet er auf einer Insel.

Peer Gynt beginnt spät, sein Ich zu suchen. Er schält eine Zwiebel, trägt Schicht um Schicht seiner Vergangenheit ab und erreicht doch keinen eigenen Kern. Der Knopfgießer kommt als Todesbote mit einem Löffel. Peer soll hinein, um umgeschmolzen zu werden, da er weder gut noch böse war, sondern lau. Schließlich hört er Solvejg und beschließt, endlich mittendurch zu gehen. Er fragt sie: »Wo war ich?« Sie: »In meinem Glauben, in meinem Hoffen, in meinem Lieben«.
 
Wir sehen sechs Peer-Darsteller (allen voran Gerald Fiedler) sowie Mutter Aase (Ute Fiedler) und Solvejg (Karoline Stegemann). Dabei entsteht oft ein Gewusel, das es dem Publikum schwer macht zu folgen. Alle übernehmen auch andere Rollen, so dass Bücker mit acht Schauspieler*innen auskommt. Diese Glanzleistung fordert vom Publikum bisweilen hohe Konzentration oder Vorkenntnisse. In manchen Szenen überspielt der Revue-Charakter den hintergründigen Ernst, der auch in den satirischen Teilen mitschwingt.
 
André Bücker zündet in seiner ersten Augsburger Inszenierung bei einfachem Bühnenbild mit etlichen Techniken ein Feuerwerk von Ideen, um zu zeigen, was im martini-Park möglich ist. Auf eine Leinwand werden die Landschaften des Stücks projiziert. Das Haus ist beweglich. Es erklingt zarte und kräftige Musik der Band »Misuk«, Eva Gold singt dazu melancholische Lieder aus Ibsens Stück.

Alle Beteiligten verdienen guten Besuch und Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden.

Die nächsten Termine: 11., 14., 21. und 29. Oktober.

www.theater-augsburg.de

Abbildung: Thomas Prazak, Kai Windhövel, Sebastian Müller-Stahl, Gerald Fiedler, Daniel Schmidt, Anatol Käbisch, Ute Fiedler. (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

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