Seelennahrung und Todessehnsucht

4. März 2019 - 10:53 | Renate Baumiller-Guggenberger

Exquisiter musikalischer Start ins »Leo 300«-Jubiläum mit dem Bariton Michael Volle und der Akademie für Alte Musik im Kleinen Goldenen Saal

Mit einem exquisiten, in vielfacher Hinsicht außergewöhnlichen Konzert startete am Donnerstagabend im wundervollen Ambiente des vollbesetzten Kleinen Goldenen Saals das »Leo 300«-Jubiläumsjahr. »Schlafes Bruder« ist mit seinen Solokantaten für Bass immerhin ein reines Bach-Programm und hätte womöglich für ein kleines Fragezeichen bei Mozartliebhabern sorgen können. Doch Simon Pickel, der künstlerische Leiter des Mozartbüros und -festivals vermittelte in seiner Begrüßung überzeugend das dahinterstehende Konzept. Er verwies nicht allein auf den immensen Einfluss, den die Musik Johann Sebastian Bachs auf die musikalische Entwicklung von Vater und Sohn Mozart nahm, sondern auch auf den direkten Bezug durch den Bach-Schüler Philipp David Kräuter, der ab 1713 in Augsburg Kantor in St. Anna und Gründer des Collegium Musicum sowie Musikdirektor war. Zudem gilt Bach in der Musikwelt unbestritten als das »Alpha und Omega« musikalischer Schöpfung. Und um Anfang und Ende, insbesondere unser aller Lebensende und den überraschend hoffnungsfrohen Umgang mit »Schlafes Bruder« bei Bach, kreiste dieses Programm sehr entschieden.

Dafür hätte man kaum einen glaubwürdigeren Interpreten finden können als den weltweit gefeierten Opern- und Liedsänger Michael Volle. Er konnte sich nicht nur auf seine außergewöhnliche Bühnenpräsenz und raffinierte Gestaltungskraft, auf die Natürlichkeit, Eleganz und Wärme seines tiefen Baritons samt höchst kultivierter Artikulationskunst verlassen, sondern auch auf das Spezialistentum und die Versiertheit der Instrumentalisten der »Akademie für Alte Musik Berlin« unter der Leitung des Organisten Raphael Alpermann, die den Solisten im Halbkreis stehend begleiteten und klanglich konturiert einbetteten. Schnell nahmen so die Kantaten ihre nahezu mystische Gestalt an.

Die Texte in Arien und Rezitativen vermitteln eine frappierend heitere Hingabe an den Tod und formulieren erregt den Wunsch »noch heute mit Freuden von hinnen zu scheiden«, wie etwa in »Ich habe genug« BWV 82.  Bewegt und willig folgte man als Zuhörer der von Bach unverblümt und vollendet in Ton gegossenen Faszination für den »süßen Frieden«, die »stille Ruh«, den endgültigen Abschied vom Diesseits. Tief tauchte man ein in die kostbaren Momente, die Michael Volle gemeinsam mit den beschwingt spielenden »Akamus«-Instrumentalisten im profunden Wissen um den Gestus, den die barocke Musizierpraxis verlangt, in den Raum zauberte.

»Überall dort, wo in den Kantaten die Sterbeglocken zu läuten beginnen, scheint es, als wären Bach in seiner Komponierstube Flügel gewachsen«, resümierte Buchautor und Bachkenner Maarten ’t Hart einmal. Diese Flügel müssen auf Michael Volle abgefärbt haben! Die Spannbreite zwischen irdischem Joch, »Betrübnis, Kreuz und Not« und euphorischem Jenseitsjubel angesichts des »schönsten Jesulein« lotete er mit fast tänzerischem Elan in Körper und Stimme aus. Kein Wunder, dass Volle dieses Bachprogramm als »Herzens- und Seelennahrung« empfindet und wie herrlich, dass er auch sein Augsburger Publikum, das lange Beifall spendete, großzügig daran teilhaben ließ!

www.mozartstadt.de

Abbildung: Michael Volle mit Akamus-Konzertmeister Bernhard Forck, Foto: Akademie für Alte Musik Berlin

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