Sehr europäisch

ruth-killius_c_ecm-records.jpg
8. November 2016 - 7:44 | Geoffrey Abbott

Geoffrey Abbott wirft für a3kultur einen Blick auf das Konzertprogramm der Augsburger Philharmoniker in der Spielzeit 2016/17.

Das Große Haus ist geschlossen, Ersatzspielstätten werden gesucht, der Spielplan wird angepasst. Für Schauspiel, Ballett und Musiktheater glich diese Neuigkeit einer Hiobsbotschaft. Der Konzertbetrieb der Philharmoniker kommt mit sehr wenigen Änderungen glimpflich davon.

Ein paar Termine sind bereits vorbei, es gibt aber noch viel zu hören im prall gefüllten Konzertkalender des Orchesters. Es ist das erste Programm, das komplett die Handschrift des neuen GMD, Domonkos Héja, zeigt. Es ist umfangreich, vielfältig, anspruchsvoll und zugänglich zugleich.

Es bleiben noch sieben von acht Sinfoniekonzerten. Das 2. Sinfoniekonzert findet nicht wie geplant im Kongress am Park, sondern in der Stadthalle Gersthofen statt – und zwar am 14. bzw. 15. November. Der groß besetzte Chor für Verdis »Requiem« hätte dort nicht genügend Platz, so muss also ein Alternativprogramm her: Schubert, Busoni und Orchesterlieder von Strauss und Wagner mit Sally du Randt als Solistin. Alle weiteren Sinfoniekonzerte sollen voraussichtlich wie geplant stattfinden, wobei es besonders in dieser Spielzeit ratsam ist, in den Medien und im Internet nach Änderungen Ausschau zu halten.

Domonkos Héjas Programm ist sehr europäisch und genauso vielfältig. Zwei Nationen, die nicht oft im musikalischen Rampenlicht stehen, dürfen strahlen: Britain bekommt ebenso ein eigenes Konzert wie Ungarn, die Heimat des GMD, die ihren Einfluss mit Ligeti, Haas, Dohnányi und den Solisten des 5. Konzerts mehrmals spüren lässt.

Das Programm ist sparsam, was Solisten betrifft. Dafür gibt es Musiker der Weltelite zu hören: Der deutsche Pianist Severin von Eckardstein tritt im 4. Sinfoniekonzert auf, die Ungarn László Fenyö (Cello) und Barnabás Kelemen (Violine) spielen im 5. Konzert. Die Philharmoniker haben wieder einen Artist in Residence für die Spielzeit verpflichtet: Ruth Killius (Foto), eine Bratschistin internationalen Formats, ist die Solistin im 3. und im 6. Konzert. Darüber hinaus wird sie auch in Kammer- und Sonderkonzerten zu hören sein. Dann gibt es noch die hauseigenen Virtuosen – Sally du Randt singt im 2. Konzert. Schließlich übernehmen die Lokalhelden von den Augsburger Domsingknaben die Solistenrolle im 7. Konzert, das A-cappella-Kirchenmusik der Renaissance mit großer Sinfonik des 20. Jahrhunderts verbindet. Die Dirigenten neben Domonkos Héja sind der 1. Kapellmeister Lancelot Fuhry, Peter Rundel, Domkapellmeister Reinhard Kammler und Anthony Bramall, der in den 80er-Jahren in Augsburg engagiert war und seitdem an großen Häusern wirkt.

Es gibt jedoch noch mehr große Orchesterkonzerte: Beim traditionellen Neujahrskonzert werden zwar nur Walzer zu hören sein, aber auch hier in großer Vielfalt. Im Mai schließen die Philharmoniker das Mozartfest ab und im Juni eröffnen sie die Lange Kunstnacht.

Die Sinfoniekonzerte sind bekannte und gut besuchte Fixpunkte im Augsburger Musikjahr. Das aktuelle Programm bietet aber viel mehr, was Aufmerksamkeit verdient. Es gibt Sonderkonzerte, die ein ungewöhnliches Repertoire vorstellen; es gibt Kammerkonzerte, die vielfältige Musik für kleine Besetzung präsentieren (oft auf Initiative von den Musikern selbst); zuletzt, aber nicht weniger wichtig, gibt es Familienkonzerte, Krabbelkonzerte und Angebote für Schulen, mit denen die Philharmoniker das Publikum der Zukunft pflegen. Auch der Hauptsponsor des Orchesters, MAN Diesel & Turbo, ist wieder mit dabei. Wir freuen uns!

Alle Termine finden Sie in unserer Klassikvorschau auf Seite II und unter www.theater-augsburg.de

Geoffrey Abbott, 1951 in London geboren, ist Pianist, musikalischer Leiter, Dirigent, Arrangeur, Komponist und Lehrer. Als Dozent und Korrepetitor ist er unter anderem am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg tätig. Abbott war langjähriger Schauspielkapellmeister am Theater Augsburg und ist Spezialist für die Musik um Bertolt Brecht.  www.geoffrey-abbott.de    

Foto: ECM Records

Thema:

Weitere Positionen

12. Dezember 2018 - 12:16 | Jürgen Kannler

Mit Tilo Grabach gewinnt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg einen hervorragenden Wissenschaftler und erfolgreichen Ausstellungsmacher. Und Augsburg hat das Nachsehen. Ein Porträt

zauberfloete_staatstheater augsburg 2018_foto_jan-pieter fuhr
8. Dezember 2018 - 14:18 | Bettina Kohlen

Drei Damen in Blaumann sitzen in einem engen Technikraum und stricken emsig an einer gewaltigen Schlange. So geht es los mit der Zauberflöte, dem Opern-Dauerbrenner, den das Staatstheater Augsburg jetzt zeigt.

8. Dezember 2018 - 8:04 | Patrick Bellgardt

Lange bevor der Serienhit »Babylon Berlin« ein ungeahntes Interesse an der Weimarer Republik entfachte, sorgte Max Raabe für eine musikalische Renaissance der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein Interview

6. Dezember 2018 - 10:36 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben setzte am 27. November seine Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« mit dem Vortrag über Italien fort.

5. Dezember 2018 - 9:24 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im Dezember

4. Dezember 2018 - 10:50 | Susanne Thoma

Wie kann man die Grundlagen demokratischer Meinungsbildung lebendig und begreifbar machen? Ganz klar: Durch die verantwortungsbewusste Teilhabe an politischen Entscheidungen.

3. Dezember 2018 - 15:18 | Iacov Grinberg

Ausstellung »Petit Fours. Kleine Besonderheiten der bildenden Kunst und Kunstschmuck« in der Maxgalerie

3. Dezember 2018 - 15:08 | Michael Friedrichs

Was beim Jubiläum 500 Jahre Luther/Cajetan leicht übersehen wird.

29. November 2018 - 9:48 | Martin Schmidt

Das Buch »Potzblitz« versammelt Lieblingserklärungen an die Popmusik. Der Mitherausgeber und Augsburger Musiker Sebastian Schwaigert klopfte bei Musiker-Prominenz und Freunden nach Berichten, Beichten und Erinnerungen an.

28. November 2018 - 13:44 | Renate Baumiller-Guggenberger

In der Vorweihnachtszeit laden allüberall Konzerte zur Einstimmung auf die Festtage samt Jahreswechsel ein. Ganz klassisch! – eine Kolumne von Renate Baumiller-Guggenberger