Seidene Fäden, weiße Kirche, zartes Licht

24. April 2018 - 10:46 | Martin Schmidt

Die Kunstinstallation »beyond_Target« in der Moritzkirche begeistert in Poesie, Subtilität und Zartheit. Harfe aus Licht, Webstuhl der Sonne: zu sehen – bei Licht – bis 15. Juli.

»beyond_Target« lautet der Titel der Kunstinstallation, die bis Sonntag, 15. Juli, in der Moritzkirche zu sehen ist. Wenn man sie denn auch tatsächlich sieht: Durch den weißen Korpus der Kirche zieht sich ein mehrfacher Strahl aus feinsten Seidenfäden, die nur dann vor dem Auge zu Leben erwachen, wenn die durch die Kirchenfenster einfallende Sonne sie sanft, silbern, weiß, perlmutten schillernd gleißen lässt.

Ähnlich, wie sich schon die Vernissage als behutsamer, von Harfenmusik begleiteter Appendix direkt an den Sonntagsgottesdienst anschloss, so koppelt die von der Künstlerin Elke Maier geschaffene, äußerst filigrane Installation den Sakralbau an einen Raum jenseits des Raumes an: Die längs durchs Kirchenschiff in sanfter Diagonale von der Orgel zum Chor gespannten, feinen Seidenfäden enden in ihren perspektivischen Endpunkten außerhalb der Moritzkirche; sie verweisen wie die Kirche selbst auf die Transzendenz der Dinge. Dem gemäß auch der Name der schwebenden Poesiegeste: »beyond_Target«, »über das Ziel hinausreichend«.

Hunderte an feinsten, weißen Seidenfäden durchwirken das Kirchenschiff, die Moritzkirche gleicht dabei einer auf einem zarten, vielfädigen Seidenstrang aufgefädelten Perle. Eigentliches Medium der Installation sind dabei weniger die filigranen Fäden, sondern das Licht, das sich in ihnen fängt und als ephemerer Glanz sichtbar wird. Eine kaum sichtbare Harfe aus Licht, ein Webstuhl der Sonne, ein silberner Pinselstrich, der nur sichtbar aufblitzt, wenn die Sonne ihn berührt – und der Kirchenbesucher den Kopf hebt und Gesicht und Blick suchend an die Decke wendet. Die Installation »will einen Raum aufspannen, der die Wände durchdringt, der weit über den Raum hinausweist«, so bei der Vernissage die in Österreich lebende Künstlerin Elke Maier.

Der Kunstintervention gingen anderthalb Jahre Vorarbeit und konzeptioneller Erkundung von Raum und Licht der Kirche voran. Von 9. April an begann dann Elke Maier, hunderte an Seidenfäden durch das Kirchenschiff zu ziehen und sie auf einander abgestimmt zu befestigen. Ähnliche Arbeiten machte Maier bereits im Wiener Stephansdom oder dem Würzburger Neumünster, die jetzige Installation wurde aber speziell und im Prozess für die Moritzkiche entwickelt.

Seid'ne Fäden, weiße Kirche, zartes Licht: Bereits zur Neugestaltung der Moritzkirche hatten die Planer ein Zitat von Bernhard Clairvaux aufgegriffen, das die spirituelle Symbolkraft des Lichts beschreibt: »Denn die Seele muss das Licht suchen, indem sie dem Licht folgt.« Auch die Festschrift zum 10-jährigen Jubiläum der Neugestaltung und auch Cityseelsorge trug den Titel »Gewand aus Licht«.

Am Sonntag, 8. Juli, 15 Uhr, findet ein Kunstgespräch mit Elke Maier statt. Die Kirche ist täglich von 8.30 bis 19 Uhr geöffnet, zu achten sind die Gottesdienstzeiten.

Foto: Martin Schmidt

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