Selber machen – zusammen machen

11. März 2016 - 8:47 | Susanne Thoma

Möbel konstruieren, Kleidungsstücke aufpeppen, Fahrräder umbauen oder Gemüse züchten – »do it yourself« ist Trend.

Konstruieren statt konsumieren und nicht einfach etwas kaufen, sondern nach eigenen Vorstellungen und Kräften etwas herstellen – immer mehr Tüftlerinnen und Gärtner wollen die Dinge selbst in die Hand nehmen und wertschätzen Selbstgemachtes als Alternative zur industriellen Massenware. In Werkstätten wie dem Open Lab im Antonsviertel hantieren sie mit 3D-Druckern, Lasercuttern und Nähmaschinen, im Werkraum im Martinipark mit Hobelbank und Fräsen. Die Soziologin Christa Müller von Anstiftung & Ertomis beobachtet seit Jahren, wie sich aus solchen Aktivitäten weltweit eine Bewegung formiert. Dabei geht es um ein enkeltaugliches Konsumverhalten und den Respekt vor den natürlichen Grenzen des Planeten. Die Do-it-yourself-Bewegung bildet einen Kontrapunkt zur Konsumgesellschaft, in der der Mensch vorwiegend zum Bezahlen vorgesehen ist.

Wenn du es nicht reparieren kannst, gehört es dir nicht

Repaircafés haben einen enormen Zulauf. Laien und Profis arbeiten zusammen und öffnen so manche Black Box. Jurek Nordmeyer-Maßner von der St.-Anna-Gemeinde hat schon mehrere Treffen in Augsburg initiiert und erklärt seine Motivation: »Der Mensch soll verantwortlich mit der Schöpfung umgehen und Rohstoffe sparsam einsetzen!« 25 bis 30 Gegenstände werden bei einem Termin vor dem Müll gerettet. Die Gebrauchsgegenstände aufschrauben und ihr Innenleben ergründen ist nicht so einfach. Oft sind die Produkte arg verschweißt und verklebt. Das ärgert die Repairinitiativen, die sich bundesweit auf ein Self-Repair-Manifest geeinigt haben: »If you can’t fix it you don’t own it.« Es gilt, der Obsoleszenz ein Schnippchen zu schlagen und ein Zeichen gegen schnellen Verschleiß zu setzen. Weil dieser nicht nur ökologisch grundfalsch ist, sondern zudem ein elementares Zugangsrecht verweigert wird.

Hacking und Upcycling

Wenn vorgefertigte Dinge, aber auch Lebenswelten gekapert und für die eigenen Zwecke umgenutzt werden, sprechen wir vom Hacking. Der Begriff beschreibt also nicht nur den Versuch, in ein Computersystem einzudringen. Eine Hackerin kann auch jemand sein, die dem Toaster beibringt, Kaffee zu brühen. Gegenstände bekommen ein zweites und ein drittes Leben – ganz anders und immer wieder neu. Im Open Lab basteln sie aus PC-Komponenten wunderbare Fluggeräte. In den Gemeinschaftsgärten experimentieren sie mit Europaletten, Tetrapacks oder asiatischen Reissäcken und bauen daraus Beete. Upcycling ist ein anderer Begriff dafür. Dabei muss es nicht trashig zugehen. Tine Klink von »Bunt und draußen« formuliert ihren Anspruch: »Oftmals erfüllt Upcycling nur einen funktionalen Zweck. Ich achte darauf, dass meine Produkte auch formschön und ästhetisch ansprechend sind.«

Leben im Commonismus

Offene Werkstätten und Gartenprojekte bieten gemeinschaftliche Betätigung und Freiräume. Mit Kommunismus hat das nichts zu tun. Vielmehr sind Commons Gemeingüter wie Wissen, praktische Fertigkeiten und Materialien, die frei geteilt, getauscht und kreativ anders genutzt werden. Die Eigenarbeit wird zum Gestaltungsprozess in der Gemeinschaft. Die Beteiligten reklamieren außerdem öffentliche Flächen für die gemeinwohlorientierte Nutzung. In Augsburg sind so zwei Interkulturelle Gärten, einer hinter dem Reesetheater, der andere an der Ballonfabrik, sowie der Hochbeetgarten des Sozialkaufhauses Contact in Haunstetten, der Nachbarschaftsgarten in Oberhausen und die Cityfarm am Gablinger Weg entstanden. Unterschiedliche Milieus und Kompetenzen treffen hier aufeinander. Integration wird praktisch gelebt oder ist explizit der Fokus, wie in der Volldabei-Kulturwerkstatt, die in einer Asylunterkunft im Antonsviertel angesiedelt ist. Geselligkeit erfährt eine neue Qualität. Wer gerade keinen Reparatur- oder Bastelbedarf hat, kommt zum Ratschen vorbei oder kocht für die Fleißigen. Die Bikekitchen in der Heilig-Kreuz-Straße war Vorreiterin dieses Modells in Augsburg. Allen gemein ist: Sie legen praktisch Hand an die Konsum- und Wegwerfgesellschaft und schrauben am Verständnis dessen, was wir können, sollen und dürfen.

 

Das Foto entnahmen wir der Ausstellung »Do it yourself – Mach’s doch selber!«. Ab dem 13. März beleuchtet die Schau im Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld den Bedeutungswandel des DIY in den letzten rund 100 Jahren.

www.schwaebisches-volkskundemuseum.de

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