Literatur

Selbsthilfe, Hemmnisse und Veränderungen

Dieter Ferdinand
15. Mai 2019

So bunt und vielfältig wie die Wäsche über der Kirchgasse beim Straßenfest war die Einwohnerschaft im Ulrichsviertel. Unter dem Titel »Uns ging’s gut im Glasscherbenviertel« hat der frühere Kinderarzt Dr. Rainer Diekmann eine beispielhafte Dokumentation zusammengestellt. Er selbst und viele ehemalige sowie im Viertel gebliebene Bewohner*innen schildern darin ihre gegenseitige Hilfe. Berichtet wird auch über die Veränderungsprozesse rund um die Sanierung.

Stephan Schiele, heute Gesamtkoordinator des Integrations-Netzwerks MigraNet: »Meine Freunde waren Kinder aus Familien, die schon seit Generationen in Augsburg lebten, ebenso wie solche, die aus vielen anderen Ländern zu uns gezogen sind, Menschen unterschiedlicher Ethnien und Glaubensrichtungen. Für uns Kinder war das normal. Wir wollten unseren Spaß, Platz zum Spielen, wir gingen in die gleichen Klassen, hatten die gleichen Probleme mit den Lehrern, waren befreundet und stritten uns.« (S. 91)

Wolfgang Homann verschlug es 1976 von Hamburg ins Ulrichsviertel. Bei einem vhs-Kurs des ehemaligen Stadtheimatpflegers Robert Pfaud erfuhr er, dass im »Scherbenviertel bereits einige engagierte Bürger begonnen hatten, alte Bausubstanz zu retten und zu sanieren. Mein Interesse war geweckt.« (S. 70) Seit 1979 ist das Ulrichsviertel Sanierungsgebiet, 1980 wurde auf Initiative der jüngst verstorbenen SPD-Stadträtin Lisel Williams der Verein Ulrichsviertel gegründet. Hauptprobleme waren die alte Bausubstanz und der Autoverkehr. Das Miteinander zeigte sich in der Nachbarschaftshilfe bei der Sanierung, welche die Bewohner*innen größtenteils in die eigenen Hände nahmen mit einer gewissen Unterstützung durch die Stadt und Mitteln aus der Städtebauförderung. Geholfen haben auch Architekten, allen voran Klaus Gerstmayr, der seine kompetente Unterstützung in einem ausführlichen Fachartikel detailliert beschreibt.

Gefeiert haben die Ulrichsviertler*innen intensiv und bis in die Nächte: zu Geburtstagen, Hochzeiten, Geburten. Höhepunkt war jahrelang das »Fest unterm Ulrich« in der Kirchgasse am ersten Juli-Wochenende. Da wurden von Haus zu Haus Wäscheleinen gespannt und bunte Wäsche aufgehängt, Musik und Theater aufgeführt sowie Ausstellungen von Künstler*innen verschiedener Richtungen zum Bestaunen und zum Kaufen angeboten. Für Hunger und Durst wurde interkulturell gesorgt. Mittelpunkt war das Angebot des Assyrischen Mesopotamienvereins mit Gebro Aydin an der Pfanne. Das Fest diente der Finanzierung der Stadtteilarbeit, und es machte die ehrenamtliche Betreuung von Kindern möglich.


Klick auf das Bild zum Vergrößern. Das Brunnenmeisterhaus vor der Renovierung Anfang der 80er-Jahre und 2019. Heute beherbergt es das Schwäbische Handwerkermuseum. (Fotos: privat/a3kultur )

Etliche Autor*innen beklagen sich im Buch über die bürokratischen Hürden, die immer wieder die Sanierung in Eigenarbeit erschwerten. Schließlich aber erwuchs große Hilfe durch den Chef der Sanierung, Reinhard Sajons, bis er und die gutwilligen Teile der Bauverwaltung ab 1996 durch die CSU-Regierung kaltgestellt wurden. Hemmnisse gibt es heute wieder, wenn das Ulrichsfest stattfinden soll: »Spontane Feste müssen bürokratisch beantragt werden, und die Speisekarten der Essensstände unterwerfen sich der ›Hackfleischverordnung‹«, so Stephan Schiele. (S. 95)

Durch die Sanierung veränderte sich die Struktur des Viertels. Die Mietpreise stiegen, weniger Betuchte zogen um, insbesondere nach Lechhausen und Oberhausen. Stephan Schiele resümiert: »Später wurde mir klar, dass nicht nur Urmel und Jim Knopf ein ungewöhnliches Glück für mein Leben waren.« Aufzuwachsen in einem multikulturellen Umfeld, mit Menschen verschiedenster Überzeugungen, »hat meine Weltsicht stark geprägt und ist bis heute Teil meines Lebens geblieben.« (S. 95) Sehr schön ist auch der Bericht der Ulrichsviertelkinder mit einem selbst gemalten Bild. (S. 54–58)

Wer das Ulrichsviertel kennenlernen will, nehme das Buch zur Hand und folge der kompetenten Führungsroute, die Ingrid Bergmann-Ehm, früher Journalistin der Augsburger Allgemeinen, beschreibt. (S. 58–62) Sie hat die Sanierung in vielen Artikeln beschrieben. Seit einigen Jahren findet am ersten Wochenende im Juli wieder das Ulrichsfest statt, wenn auch nur alle zwei bis drei Jahre. In diesem Jahr ist dies am Samstag, 6. Juli, der Fall, wozu herzlich eingeladen wird. Die Beruhigung der Spitalgasse, seit 1981 Sanierungsziel, ist noch immer nicht verwirklicht. Jetzt gibt es Pläne dafür, und die Vorarbeiten für eine ähnliche Gestaltung wie in der Bäckergasse lassen die Hoffnung auf weniger Autoverkehr wachsen.

Rainer Diekmann – Uns ging’s gut im Glasscherbenviertel, 178 Seiten, 19,80 Euro, Verlag Pinus Druck, ISBN: 978-3-946901-03-7

Mehr zum Ulrichsviertel früher und heute sowie zur Arbeit des Ulrichsvereins lesen Sie unter:
www.ulrichsverein-augsburg.de

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