Politik & Gesellschaft

Semah, Saz und zwölf Imane

Martin Schmidt
23. September 2016

Hell, in modern-orientalischer Anmutung, in einem sanften Farbenspiel aus viel Weiß, etwas Grau und roten Fensterrahmen steht in Lechhausen das Gemeindehaus der Alevitischen Gemeinde Augsburg. Das Gebäude in der Bozener Straße 4a befindet sich auf einem gut 5.000 Quadratmeter großen Grundstück. Seit dem Jahr 2000 ist es 500 festen Gemeindemitgliedern und einem Besucherstamm von 2.500 Menschen ein geistliches und kulturelles Zuhause. Insgesamt leben schätzungsweise 4.800 Aleviten in Augsburg.

Begonnen hatte alles 1993: 35 alevitische Glaubensanhänger formierten sich in Vereinsform und hatten ihren damaligen Treff zunächst in der Wankstraße. Heute, in der Bozener Straße, stehen 3.200 Quadratmeter Raum-Nutzfläche zur Verfügung. Das neue Gebäude, an dem die Gemeindemitglieder in einem Kraftakt selbst mitbauten, gilt als größtes und auch schönstes alevitisches Gemeindehaus in Europa.

Frauen und Männer gemeinsam

Im zweiten Stock befindet sich der Gebetssaal (Cem Evi), im Erdgeschoss lädt ein großer, 800 Besucher fassender Saal zu Veranstaltungen, Konzerten, Hochzeitsfesten und anderen Feierlichkeiten. Der mit einer Bühne versehene Raum ist übrigens von jedermann anmietbar. Des Weiteren gibt es einen kleinen Saal für bis zu 70 Personen sowie Räume für Jugend- und Frauengruppen, die Verwaltung und den Vorstand. Für türkische Musiker, Gebetsführer und auch Schriftsteller sind Gästezimmer vorhanden. Außerdem gibt es eine Großküche. Beim Gebet im Cem Evi sitzen Frauen, Männer und Kinder gemeinsam im gleichen Raum mit dem Gebetsführer und den Zakiren (alevitische Barden). Letztere verraten es schon: Musik nimmt eine prominente Rolle in der Ausübung der zwölf religiösen Pflichten im sehr mystisch geprägten Alevitentum ein. So gibt es den von einer kreisförmigen Bewegung bestimmten Semah-Tanz, die Musik dazu wird traditionell auf der Saz, der Langhalslaute, gespielt.

Vereinfacht erklärt sind Aleviten Mitglieder einer ursprünglich um das 13./14. Jahrhundert in Anatolien entstandenen, am islamischen Koran angelehnten Glaubensrichtung, die neben Allah und seinen Propheten Mohammed den Weisen Ali (den Schwiegersohn des Propheten) als Auserwählten Gottes setzt. Zwölf blutsverwandte Imane (Oberhäupter) beerbten nacheinander Ali. Derart bilden die Aleviten in Deutschland die drittgrößte Religionsgemeinschaft nach Christen und Muslimen – circa 500.000 bis 800.000 Aleviten zählen sich bei uns zu der vergleichsweise doch unbekannten Glaubensrichtung. Die Aleviten propagieren sozialpolitische Grundsätze wie die Gleichstellung von Frau und Mann und die grundsätzliche Ablehnung von Gewalt. Die Alevitische Gemeinde Augsburg (Augsburg Alevi Kültür Merkezi e.V.) pflegt eine sehr informative deutschsprachige Homepage.

www.alevican.de

Foto: Das Bild entstand im Gebetssaal des alevitischen Gemeindehauses in Augsburg während der Audio-Aufnahmen für das AiR-Projekt »Silent House of Prayer«. Soundartist Reinhard Gupfinger nahm mit den am weißen Headphone-Kopf (links) befestigten Raummikros den Klang von zwölf alevitischen Saz-Musikern auf. (Foto: Susanne Thoma)
www.welcome-in-der-friedensstadt.de

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