Sensationell vertonte Zwischenwelten

12. Februar 2019 - 16:54 | Renate Baumiller-Guggenberger

Im 4. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker wurde es mit Humperdinck, Kerschek und Bartók mehr als »Märchenhaft«.

Nach musikalischen Erlebnissen, wie sie das 4. Sinfoniekonzert »Märchenhaft« mitsamt der angekündigten Uraufführung ermöglichte, weiß man als Rezensentin, warum es ratsam ist, mit  Superlativen sparsam und wohl überlegt umzugehen. Wenn man sie dann aber einsetzt, um Außergewöhnliches in Worte zu fassen, wird es hoffentlich glaubhaft. Wie gut, dass zudem dank des Mitschnitts bzw. der Liveübertragung des Konzerts am 12. Februar, 20 Uhr, von Deutschlandfunk Kultur jegliche (Leser-)Skepsis beseitigt werden kann.

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Was Matthias Höfs (Trompetenvirtuose und Artist in Residence) gemeinsam mit seinem erst 22 Jahre jungen Sohn Tillmann Höfs (Hornist, Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs 2017) und dem in allen Instrumentengruppen (großartig die Schlagwerker!) frappierend starken Orchester unter Leitung von GMD Héja in Wolf Kerscheks am Montag uraufgeführten »Märchengestalten« zauberten, muss ganz einfach als »Sensation« beschrieben werden.

Im Wissen um das experimentierfreudige, höchst souveräne spieltechnische Vermögen sowie die strahlende Klangformung des »Höfs-Doppels« hat Kerschek (*1969), der auch Jazztheorie, Komposition und Filmmusik lehrt, das fünfsätzige Auftragswerk den beiden Virtuosen punktgenau auf den Leib bzw. die Klappen und Schalltrichter der eingesetzten Blechblasinstrumente geschrieben. Wie in früheren Kompositionen machte er sich versiert das eruptive Klangspektrum zwischen Jazz und Klassik zu eigen, streute mit leichter Hand swingende Phasen in die trickreiche, Spannung generierende Partitur, die voller Überraschungen steckte, mit Echo-Effekten und rhythmischen Schachzüge verblüffte. Deutlich tauchten in seinem Doppelkonzert die plätschernden Meerjungfrauen über die verletzlichen Riesen bis zum unzähmbaren Pegasus aus dem mythologisch und psychologisch inspirierten Zwischenreich auf, das dem Hörer die Märchengestalten als Symbole für unsere Ordnung der Realität verständlich machte.

Mit Engelbert Humperdincks bekannter Ouvertüre zu »Hänsel und Gretel« gelang die sanfte Einstimmung in den märchenhaften sinfonischen Abend, der mit Béla Bartoks wenig bekanntem und 1917 uraufgeführtem Tanzspiel »Der holzgeschnitzte Prinz« (mit Musikern der Münchner Symphoniker orchestral verdichtet) in epischer Breite ausklang. Das etwas holzschnittartige Libretto wurde den Hörern über Projektionen vermittelt, was eher abträglich war, um sich mit eigener Fantasie (außer man hielt die Augen geschlossen) auf die feinsinnige und bildkräftige Tonschöpfung einzulassen. Die pendelte sich harmonisch zwischen Spätromantik und Impressionismus ein, malte Feenkräfte und Natur in den Raum, empfand das versöhnlich endende Liebeswerben und »Kräftemessen« zwischen Prinzessin und goldgelocktem Prinzen in orchestraler Klangopulenz nach.

Langanhaltende Begeisterung und Bravi für die Solisten und ein unvergessliches Konzert!            

www.staatstheater-augsburg.de

Foto: Jan-Pieter Fuhr

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