»Shitty City« in Susis Hexenhaus

4. März 2019 - 11:49 | Janina Kölbl

Im Rahmen des Brechtfestivals präsentierte Bluespots Productions das sechste Gedicht des »Lesebuchs für Städtebewohner« in der »Shitty City«-Reihe, eine Inszenierung unter dem Titel »Trieb«.

Die Protagonistin, eine junge Frau, sitzt sichtlich angetrunken an einem Tisch in einer Bar. Sie scheint Probleme zu haben, man fragt sich als Zuschauer unweigerlich nach deren Ursache. Geschafft hält sie sich die Hand vor die Stirn, anschließend torkelt sie durch den Raum vorbei an einem Billiardtisch. Plötzlich richtet sie immer wieder ihre Blicke verschiedenen Leuten im Publikum zu. Meistens herrscht Stille, nur wenig Worte werden in der Aufführung gesprochen.

Ab und an flüstert die junge Frau nahezu unverständliche Worte vor sich hin, was sich bald als der zentrale Satz herausstellt: »Sie haben ihn aufgegeben.« Dieser Satz ist im 30-minütigen Stück immer wieder zu hören, denn er stammt aus dem sechsten Gedicht von Brechts »Lesebuch für Städtebewohner«. Mit der Zeit kommt die zweite Hauptfigur des Abends ins Spiel, die Kellnerin der Bar, die sichtlich gehetzt wirkt. Dass die junge Frau solange vor ihrem Glas sitzen bleibt, missfällt der Bardame. Allmählich geraten sie allerdings in einen Dialog, den sie im Wechsel miteinander fortführen: »Er ging die Straße hinunter, den Hut im Genick! Er sah jedem Mann ins Auge und nickte. Er blieb vor jedem Ladenfenster stehen«, heißt es da.

Dann kommt die Kehrtwende: Beide Damen fallen sich in die Arme, und wie ein Liebespaar verbringen sie die ganze Nacht in hoher Geschwindigkeit und wenigen Minuten komprimiert eng umschlungen beim Billiard- und Dartspiel: Die humoristische Kompenente des Stückes kommt nun zum Vorschein.

Die Inszenierung erfolgte durch den Regisseur Christian Schmitz-Linnartz, gespielt wurde das Stück von den Schauspielerinnen Cara von Stockert und Annalena Steiner. Dadurch, dass Publikum, Bühne und Protagonisten miteinander verwoben sind, vermittelte das Stück den Eindruck, dass es kein Anfang und kein Ende gibt. Durch die Kulisse des »Hexenhauses«, Jakoberstraße 7, schien das Publikum Bestandteil der Szenerie und des Stückes zu sein – eine schöne Umsetzung des sechsten Brechtgedichts.

www.bluespotsproductions.de

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