Sichtbar und doch verborgen

21. Juni 2020 - 9:49 | Iacov Grinberg

Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Süßkind zeigt Fotografien von Istvan Ladanyi.

Für den Künstler, den Wahl-Augsburger Istvan Ladanyi, ist es die erste Einzelausstellung. Er wurde in Ungarn geboren, studierte Produktionsdesign an der Fachhochschule Dessau und arbeitet seit 10 Jahren in diesem Bereich für Tatonka, Schwerpunkt Outdoor Sport. Seine Ausbildung und Erfahrung setzen zweifelsohne voraus, dass er weiß, wie ein Objekt für die Augen einer Zielgruppe attraktiv gestaltet werden kann. Die ausgestellten 31 Fotografien und eine Videoarbeit bestätigen, dass er ein künstlerisches Auge hat. 9 Werke zeigen Ansichten aus Vietnam, andere aus Deutschland, Island, Portugal, Dubai, Frankreich, Hong Kong, Spanien. Sie zeigen Menschen, Straßenszenen, Landschaften, Schattenspiele bei heller Sonne, die Sicht von oben. Sie sind in erster Linie dadurch interessant, dass der Künstler uns, den Betrachtern, einige Ansichten zeigen kann, die unserem Auge verborgen bleiben, obwohl sie sichtbar sind. Warum?

Ein Experiment mit einem „unsichtbaren“ Affen gehört zu den Klassikern der Psychologie. Psychologen haben eine Gruppe von Studenten beauftragt, auf einem Bildschirm ein Basketballspiel zu beobachten und richtige und falsche Bewegungen der Sportler zu notieren. Nach der Betrachtung wurden sie befragt, ob sie etwas Besonderes bemerkt haben. Keiner (!) der Studenten hat bemerkt, dass während des Spiels ein Affe durch das Spielfeld stolziert ist. Alle Probanden waren mit der Hauptaufgabe so beschäftigt, dass dies nicht bemerkt wurde.

Wenn wir von A nach B gehen, bleiben unsere Gedanken dabei in der Regel entweder bei dem, was bei A geschah, oder bei dem, was uns in B erwartet. Bei einem Spaziergang gehört unsere Aufmerksamkeit unseren Begleitern. Einfach mit freiem Auge rundum zu schauen, was für Entdeckungen in unserem Blickfeld notwendig ist, gelingt uns selten. Unser Auge „gleitet“ und das Gesehene dringt selten in den Fluss unserer laufenden Gedanken ein.

Künstler schauen auf die gleichen Landschaften oder Objekte wie wir, nehmen das Gesehene aber anders wahr. Sie erkennen das Spiel von Licht und Schatten, die Vielfalt von Farben, sie bemerken Kleinigkeiten und Besonderheiten. Manche Künstler sagen, dass eine solche Sicht bei ihnen angeboren ist – man kann sie aber selbst entwickeln. Unsere Tochter hat diese Sicht dank ihrer Grundschullehrerein. Diese hat die Kinder oft nach Draußen geführt und sie gebeten, die Umgebung mit den Augen eines Malers anzuschauen: Was für Nuancen von grün, gelb und rot sehen sie an den Bäumen im Herbst, welche verschiedenen Farben von Schnee und Eis können sie erkennen, welche Spiegelungen schenkt ihnen eine Pfütze ...

Ich kann Ihnen empfehlen, die künstlerischen Ansichten dieser Ausstellung selbst zu bewundern, was noch bis zum 31. Juli möglich ist. Vergessen sie nicht, dass auch Sie eine künstlerische Sicht entwickeln können. Viel Vergnügen und Erfolg!

www.galeriesuesskind.blogspot.com

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