So kann Museum gehen

21. August 2018 - 8:41 | Bettina Kohlen

Die Kunsthalle Memmingen ist ein Leuchtturm der Gegenwartskunst im Allgäu. Leiter Axel Lapp setzt auf ein alles andere als durchschnittliches Konzept.

Im eher dünn besetzten Feld der Gegenwartskunst im Allgäu ragt die Memminger Kunsthalle heraus. Das ehemals königlich-bayerische Postamt direkt beim Bahnhof gibt seit 2005 der aktuellen Kunst Raum. Im Jahr 2012 übernahm Axel Lapp das Ruder von Kunsthalle und Strigel-Museum. Der promovierte Kunsthistoriker mit Lebensmittelpunkt Berlin wollte etwas ändern und er wollte in den Süden der Republik. Das Allgäu hätte es nicht sein müssen, doch es gefällt ihm dort. Großstadt ist schön, aber Memmingen bietet den Komfort der kurzen Wege des Alltags. Nach Ulm oder München ist es nicht allzu weit, Augsburg jedoch blieb ein bisschen blinder Fleck.

Als Lapp in Memmingen anfing, war die Kunsthalle ein Einpersonenhaushalt. Das hat sich mittlerweile geändert, zum Team gehören die Museumspädagogin Natalie Gianfelice-Wagner und demnächst eine Volontärin für die Kunstvermittlung im Bereich der Schulen. Der Kunsthistoriker Axel Städter macht die PR, ein Praktikant unterstützt, wo es nötig ist. Mit seinen Kolleg*innen stellt Lapp jedes Jahr beachtliche zehn bis zwölf Ausstellungen auf die Beine. Fürs Schreiben von Kunstkritiken und anderen Texten zur Kunst bleibt dem ehemaligen Verleger nicht annähernd so viel Zeit wie früher, aber wie an großen Sammlungen üblich nur zwei Ausstellungen pro Jahr zu konzipieren: Das wäre dann doch zu langweilig.

Die große Frage, die hier wie anderenorts beantwortet werden will, ist: Wie bekomme ich die Leute (über das 70+ Vernissagenpublikum hinaus) ins Haus und wie entsteht ein langfristiges Interesse an neuer Kunst? Lapp möchte zudem nicht nur die Memminger, sondern auch Menschen aus einem weiteren Umkreis ansprechen, wobei er sich eher nach Ulm als ins Allgäu ausrichtet.

Ein kunsthistorisches Programm üblichen Zuschnitts liegt ihm jedoch fern, Lapp möchte Menschen, die bislang keinen Draht zur Kunst hatten, an diese heranführen. Er will möglichst unterschiedliche Positionen zeigen, sodass ein Besucher erkennt, wie vielfältig Kunst ist, welche überraschenden Aspekte sich auftun – ja, auch wie viel Freude das Ganze machen kann.

Aktuell stellt sich das so dar: Im Erdgeschoss irritiert Hannes Egger zunächst mal den Betrachter, denn zu sehen gibt es: nichts. Worum es geht, erschließt sich erst, wenn man sich auf ein Spiel einlässt. Per Kopfhörer werden Bewegungsanleitungen vermittelt, die den Zuhörenden zum Akteur werden lassen, schließlich zum Kunstwerk selbst. Für den Außenstehenden machen ein paar Leute merkwürdige Sachen, Verständnis entsteht erst, wenn ich den Betrachterstandpunkt aufgebe und mich selbst darauf einlasse. Sehr viel opulenter präsentiert sich das Werk von Gili Avissar, der raumgreifende textile Konglomerate ausbreitet. Zwei Monate lang hat der Künstler vor Ort in einem aufgelassenen Kino an seinen Installationen für die Räume der Kunsthalle gearbeitet. Diese wesenhaften Gebilde, bunt zusammengenäht aus unterschiedlichen Materialien, die der Künstler immer wieder verändert und in einen neuen Kontext bringt, entwickeln eine wundersame Lebendigkeit. Dies wird besonders deutlich bei einzelnen Objekten, die zum Kostüm werden können, zum performativen Element.

Da die Kunsthalle einige künstlerische Nachlässe betreut, werden auch regelmäßig Aspekte des jeweiligen Werkes thematisiert und dem breiten Spektrum des in der Kunsthalle Gezeigten hinzugefügt. Das ist ganz und gar nicht langweilig, auch wenn Max Unold (1885–1964) oder Josef Madlener (1881–1967), zu deren Werk gerade zwei Ausstellungen laufen, in der Kunstgeschichte recht wenig beachtet werden. So ergaben sich aus einer früheren Ausstellung unerwartete Erkenntnisse zu Unolds »Dame im blauen Kleid« von 1913, die sich als Anicuta Levin-Belau, die später nach Schottland emigrierte, einer Muse des Künstlers, identifizieren ließ. Unolds Arbeiten der 1930er- und 1940er-Jahre bilden einen weiteren Schwerpunkt der aktuellen Ausstellung. Hier erweist sich erhellend anhand von Dokumenten und Funden, dass Unold dem Nazi-Regime keineswegs so fern stand, wie er gerne glauben machte.

Das Werk von Josef Madlener, einem spiritistisch veranlagten Erzkatholiken, und das seiner Tochter Julia stehen bis Ende des Jahres im Zentrum eines eigenen Bereichs für kleine und nicht so kleine Kinder. Nachdem sie durch einen neugierig machenden golden flatternden Vorhang die Schwelle überschritten haben, erleben junge Besucher anhand vieler Arbeiten der beiden Künstler, durch klärende Texte und spielerisch erläuternde Hilfen, was eigentlich Abstraktion bedeutet.

Das Angebot für Kinder ist Axel Lapp sehr wichtig, denn die Basis für das Wissen um die persönliche Bereicherung durch Kunst wird in der Kindheit gelegt. Museen sollten bildungsrelevant sein, doch Illusionen gibt der Museumsmann sich nicht hin: 85% der Stadtbevölkerung erreicht das Angebot der Kunsthalle im Besitz der Stadt Memmingen nicht. Um dies zu ändern, braucht es auf Dauer angelegte Konzepte zur Zugangserleichterung. Großzügig gefördert werden vor allem kurzfristige Einmal-Angebote mit dem Fokus auf Menschen mit Migrationshintergrund. Sinnhafter und mit weit geringeren Pro-Kopf-Kosten verbunden wäre jedoch die Finanzierung einer Mitarbeiterstelle, sodass nachhaltige Arbeit für Menschen jedes Alters geleistet werden kann, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Museen müssen sich ändern, meint Lapp, denn »Bilderausstellungen verändern auch nicht die Welt«.

Und private Förderung? An regionalen vermögenden Unternehmern herrscht kein Mangel, doch für als schwierig angesehene Gegenwartskunst rücken sie ihr Geld nicht raus. Auch Einzelsponsoring bleibt überschaubar. Geldmangel ist in Museen der öffentlichen Hand an der Tagesordnung, da ist Memmingen keine Ausnahme: Lapp verfügt über ein Jahresbudget von 50.000 Euro, einen Ankaufsetat hat er nicht. Eine weitere Stelle, um sinnvoll zu forschen und die Nachlässe vollständig aufzuarbeiten, würde dem Museum nützen, doch jammern will Lapp nicht. Die Beziehung zum Stadtrat ist gut und »es ist ein tolles Haus, man kann hier schöne Ausstellungen machen.« Das tut er unter anderem demnächst mit einer Schau von vier Zeichnern ganz unterschiedlicher Herangehensweise. 2019 werden dann zwei Schweizer Künstler Wandzeichnungen, Musik und Clubkultur verbinden. Geplant ist auch eine Ausstellung der in Berlin lebenden US-Amerikanerin Rajkamal Kahlon, die sich mit ethnographischer Fotografie des 19. und 20. Jahrhundert auseinandersetzt. Hinzu kommen einige kleinere Projekte plus eine Ausstellung, die PR-Mann und Kunsthistoriker Axel Städter kuratieren wird. Die Dauer der einzelnen Ausstellungen überschneidet sich, sodass der Besucher eigentlich immer etwas Neues entdecken kann.

Was Axel Lapp da in Memmingen macht, ist äußerst beeindruckend. Die Kunsthalle wartet dank seines Engagements mit einem spannenden zukunftsorientierten und bereichernden Programm auf. In einer kleinen Stadt auf (manchmal) sperrige Gegenwartskunst zu setzen, verbunden mit einem schlüssigen Vermittlungskonzept, ist mutig und sinnvoll. So kann Museum heute gehen, auch mit begrenzten Mitteln.

www.mewo-kunsthalle.de

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