Sonderliche Schätze und was sie erzählen können

7. November 2016 - 21:31 | Iacov Grinberg

Das Maximilianmuseum präsentiert »Bodenschätze – Funde der Augsburger Stadtarchäologie«.

Die archäologische Ausstellung enthält keine Schätze im allgemeingültigen Sinn. Kunstgegenstände bzw. Schmuckstücke in gutem Zustand sind in der Arbeit der Archäologen eher eine Ausnahme. Niemand platziert sie extra für zukünftige Generationen im Boden. Gewöhnlich arbeiten Archäologen wie Ermittler mit dem Müll der vorigen Generationen: Sie bemühen sich, anhand von einigen erhalten gebliebenen Kleinigkeiten, die man noch dazu suchen muss, das Bild des in der Vergangenheit Geschehenen wieder herzustellen. Das in dieser Ausstellung Ausgestellte war seinerzeit einfach weggeworfen worden, obwohl hin und wieder auch einige verlorene Gegenstände dabei sein werden.

Am Eingang der Ausstellung begegnet den Besuchern ein langes Glasschaufenster, voll mit kleinen Muscheln. Das sind die Schalen von Austern und von gewöhnlichen Schnecken – Beweisstücke der Menüs des 17. und 18. Jahrhunderts. Bayern verstand sich damals (bis 1865) als Teil der französischen Kultur, entsprechend war das Speiseangebot. In der benachbarten Halle steht ein Schaufenster mit Tierknochen, in die einige Löcher gebohrt sind: Das sind die Abfälle der Produktion von Rosenkranzperlen, die ebenfalls hier liegen. Im daneben stehenden Schaufenster sind Dutzende defekte keramische Figuren von Landsknechten, Musikern und Damen zu sehen – Abfälle der in der Stadt blühenden Produktion solcher Figuren.

Es gibt Menschen, die über eine besondere Sensibilität verfügen. Ich habe die Ausstellung zusammen mit einem zertifizierten Rutengänger besucht, der behauptet, dass er die Geschichte der Sachen und die mit ihnen verbundenen Ereignisse empfindet. Zum Beispiel riet er dazu, eine bestimmte alte goldene Kette niemals umzuhängen, weil sie von einem Räuber abgerissen wurde und auf sich die Spuren dieses Verbrechens trage. Beim Schaufenster mit den Figuren habe er den Ärger und die Gereiztheit der Meister mitempfunden, wenn sich die Figuren nach dem Brennen defekt erwiesen. Besonders unangenehm waren für ihn die Schaufenster mit einigen, teilweise aus den Scherben wiederhergestellten, kostbaren Tellern und Tassen aus weit entfernten Ländern, die die breit gefächerten Augsburger Handelsverbindungen bezeugen. Er beteuerte, dass die Scherben die Angst der Diener vor Strafe, die Bosheit der Besitzer und den Verdruss beim Verlust einer teueren, und manchmal auch denkwürdigen Sache, aufbewahrten. Dagegen war der Stand mit den Scherben von Stiefelchen aus Glas ganz ruhig: das waren sogenannte Trinkspiele. Keine Emotionen trügen auch die wiederhergestellten hölzernen Vasen und Tabletts, die zahlreichen keramischen und Glasflaschen für Mineralwasser – sie waren für den Verbrauch bestimmt gewesen. Doch ein in der Latrine versunkener und wiederhergestellter Lederstiefel bewahre dagegen den Kummer des unerwarteten Verlustes.

Besuchen auch Sie diese Ausstellung, schauen Sie zuerst selbst auf die zahlreichen schweigenden Scherben und Bruchstücke, und hören Sie darauf, was sie denjenigen erzählen, die ihre Sprache verstehen: den Museumführern und Archäologen oder den Menschen mit besonderer Sensibilität. Das ist noch bis zum Oktober des nächsten Jahres möglich.

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