Theater & Bühne

Spaß in allen Räumen

Jürgen Kannler
23. Dezember 2015

Die Uraufführung seiner Opéra fantastique »Hoffmanns Erzählungen« 1881 in Paris mitzuerleben blieb Jacques Offenbach versagt. Er starb wenige Monate vor der Premiere. Dennoch lehrt uns die Umsetzung dieses Projekts einiges über die Kraft, die dem Glauben an das eigene Werk innewohnt. Als in Deutschland geborener Jude gehörte der Komponist nicht zu den Künstlern, denen die französische Gesellschaft zehn Jahre nach Kriegsende einen roten Teppich auszurollen gewillt war, ungeachtet aller Erfolge und Ehrungen des Meisters vor dem deutsch-französischen 70er-Gemetzel. Und nun kam er mit einem mysteriös-fantastischen Libretto an, das auf Werken des aus Königsberg stammenden Erbfeindes E.T.A. Hoffmann fußte, und wollte in Paris Oper machen. Ein an sich aussichtsloser Plan, wäre da nicht diese wunderbar Musik, und die kennt ja bekanntlich keine Grenzen. Offenbach setzte ganz gewitzt die Brückenköpfe von einigen erfolgreichen Hauskonzerten ausgehend hin zur großen Opernbühne und verhalf so der Musikwelt zu einer der noch heute meistgespielten Opern in französischer Sprache.

Zu Beginn der Adventszeit hatte nun auch das Theater Augsburg wieder einmal »Hoffmanns Erzählungen« auf die Premierenliste gesetzt. Und es war ein Festival, vor allem der weiblichen Stimmen. Neben Cathrin Lange als Olympia und Sally du Randt als Giulietta wird insbesondere der Auftritt des Gastsoprans Adréana Kraschewski als dem Tod geweihte Antonia in bester Erinnerung bleiben. Die kanadische Mezzosopranistin Christianne Bélanger wusste das Premierenpublikum als Muse des Meisters Hoffmann ebenfalls zu überzeugen. Dieser setzte, verkörpert von Ji-Woon Kim, an diesem Abend zwar nicht nur Glanzlichter, meisterte dennoch die prominentesten Passagen, wie das Lied vom Zwerg Kleinzack, einfach großartig. Mathias Schulz und besonders Christopher Busietta machten Beachtliches aus ihren Nebenrollen und sorgten gemeinsam mit dem hervorragend eingestellten Chor für eine köstliche Komplexität bei Meister Offenbach. Stärkere Präsenz zeigte an diesem Abend auch Young Kwon in den Rollen des Dr. Mirakel und des Dapertutto in einer oftmals famos-lässigen Eleganz.

Mit Eleganz verstehen auch Silke Willrett (Kostüme), Kai Luczak (Licht) und Marc Weeger (Bühne) zu arbeiten. Die Bühne, ein Theaterbau halb Klassizismus, halb Bauhaus, erinnert in seinem kruden Stilmix natürlich an das Augsburger Stadttheater. Das interdisziplinäre Szenario von Oper, Kunstatelier, Catwalk und Liveclub, mit dem die Ausstatter spielen, verweist auf die Möglichkeiten, die auch in diesem alten Haus stecken.

Jim Lucassen, der Regisseur des Abends, hat es auf alle Fälle verstanden, die Besucher recht gut zu unterhalten. Der von ihm und seiner Kollegin Johanna Mangold aufgebaute Spannungsbogen hielt bis zum Schluss und die Inszenierung ließ nur wenige Fragen offen. Eine davon könnte lauten, warum Sally du Randt als Giulietta in der Bordellszene im 4. Akt auf einer Schaukel sitzend den einzigen Turbanträger des Stücks an einem Hundehalsband auf allen vieren spazieren führt und was uns diese Darstellung über Lucassens Einstellung zum Islam verrät. Darüber könnte man in der Tat noch sprechen.

Besuchen Sie also diesen unsterblichen Opernhit. Lassen Sie sich vom stimmigen Klang, den Lancelot Fuhry wunderbar diabolisch ausgeleuchtet mit den Augsburger Philharmonikern zu formulieren weiß, in die Welt des seltsamen Herrn Hoffmann mitnehmen.

Nächste Vorstellungen: 25. Dezember, 24. und 29. Januar
www.theater-augsburg.de

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