Sprache oder Körpersprache

9. August 2017 - 8:58 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Teil 16.

Zur Bedeutung und Funktion der Körpersprache in der eigenen Herkunftskultur schreibt der französischsprachige, interkulturelle Romancier Hector Bianciotti in seinem Roman Ce que la nuit raconte au jour, 1992 – Was die Nacht dem Tag erzählt: »Cecilia hat ihnen mit Quittenpaste gefüllte Blätterteigkuchen mitgebracht und überreicht sie Nigelia, der Ältesten. Dabei fange ich auf, was mir unauslöschlich bleibt: das Lächeln, das einen Mundwinkel hebt, dabei die Undurchdringlichkeit der Miene wahrt. Es ist dies das argentinische Lächeln, an dem, zur Vorsicht, Skepsis und Ironie teilzunehmen scheinen. Ich werde stets von einem Museum der einem Milieu, einer Epoche eigentümlichen, oft kurzlebigen, von einer Mode hervorgerufenen und verbreiteten Gesichtsausdrücke, Gebärden, Manieren, Satzmelodien träumen.« (S. 138)

Zu Bianciottis erträumtem Museum könnte ich mit folgender Beobachtung beitragen. In den 70er-Jahre haben die Sprachstudenten an der Gießener Universität während des Unterrichts alles Mögliche gestrickt: Frauen und Männer. An der Augsburger Universität der 80er-Jahre waren den Studierenden die Pulloverärmel immer zu kurz. Sie haben den Bund fest gehalten aus Angst, die Ärmel könnten nach oben rutschen. Später saßen die Studentinnen mit freiem Bauch im Unterricht. Verlassen habe ich die Studierenden zu der Zeit, als es Mode war, aus Plastikflaschen zu trinken, also ob der Unterricht in der Wüste stattfinden würde. Dagegen hat meine erste Begegnung mit der deutschen Körpersprache in einer Halle des Mannesmann-Röhrenwerks in Unterrath bei Düsseldorf im Jahr 1969 stattgefunden. Als Werkstudent stand ich am Fließband nach der Säge, an der die Röhren nach Maß geschnitten wurden. Ich sollte den Schnitt mit dem Pfeil säubern und die Röhren auf das nächste Band leiten. Über uns schwebte der Kranführer, der die angefertigten Röhren wegschaffte. An einem Tag waren sehr dünne Röhren zu schneiden und ich hatte kräftig zu tun, dagegen musste der Kranführer warten, bis die Ladung am Kran vollständig war. Von seiner Kabine aus lächelte er mich immer wieder an, und dabei bewegte er beide Armen schwungvoll nach oben, bis zum Aufeinanderprallen seiner Fäuste. Ich war ein wenig verunsichert, denn ich konnte sein freundliches Lächeln nicht mit dem energischen Aufeinanderprallen seiner Fäuste vereinbaren. Da wir Akkord arbeiteten, dachte ich mir, dass er genervt war, weil ich ihm zu langsam vorkam. In der Kabine bestätigter er meine Deutung seiner Körpersprache, jedoch mit einem wohlwollenden »Bravo, Italiener«. Im Lauf der Jahre habe ich immer wieder erfahren, dass jede Körpersprache ein schwieriges Unterfangen ist. Es kann gelingen, wenn der Sprecher über eine ausgeprägte soziale Mimikry verfügt, aber das Ganze kann sehr leicht ins Lächerliche kippen, vor allem wenn Wort und Geste sich nicht synchronisch und flüssig integrieren. Zugleich bin ich mir dessen bewusst, dass es ohne Körpersprache nicht geht, weil keine Sprache mir gehört, und wenn ich auf Sprache als persönliches Ausdrucksmittel angewiesen bin, dann soll das Wort wieder Fleisch werden. Um dies zu erreichen, wird der ganze Körper mit Stimme, Augen, Kopfhaltung usw. eingesetzt, in der trügerischen Hoffnung, dass der Satz »Ich liebe dich« einmalig klingt und als einmalig empfangen wird. Ob ich mir im Lauf der Jahrzehnte Segmente der deutschen Körpersprache einverleibt habe, werde ich irgendwann herausfinden. Woran ich immer wieder scheitere, ist das Gruppenlachen bei geselligen Treffen als unerreichbarem Merkmal der Zugehörigkeit.

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen, selbst wenn sie eine unterschiedliche Körpersprache sprechen.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.
www.chiellino.eu

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