Spuren der Katastrophe

31. Januar 2018 - 17:13 | Iacov Grinberg

In der ehemaligen Synagoge Kriegshaber, heute Zweigstelle des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben hat die neue Ausstellung »Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung?« ihre Pforte geöffnet.

Wenn man die Liste von prominenten Gestaltern, Kuratoren und Architekten liest, die mitgewirkt haben, wenn man erfährt, dass die Ausstellung unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, steht und die zahlreichen Grußworte hört, erahnt man nur Positives.

Zum Glück verdient diese Ausstellung wirklich eine sehr positive Einschätzung. Die Exposition befindet sich fast vollständig im ehemaligen großen Gebetssaal der Synagoge, nur ein großer Erklärungsaushang, der kurz die Geschichte der Synagoge beschreibt, hängt draußen. In Zentrum befindet sich ein Thoravorhang der Familie Ulmo, ein prächtiges, heute schon stark verblichenes Beispiel von Silber- und Goldstickerei des 18. Jahrhunderts, rechts und links befinden sich in den Vitrinen ganz verschiedene Gegenstände, die das eine oder andere Verhältnis zu der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Kriegshaber haben. Es gibt Gegenstände aus Silber und Textil, Papier und Holz.

Alles das erweckt den Eindruck einer Halle, in der Bruchteile eines Flugzeuges, das über dem Meer verunglückt ist, gesammelt wurden. Man hat vom Meerboden gesammelt was möglich war, kleine und große, zerbrochene und intakte Teile. Man macht das nicht aus Neugier, Spezialisten versuchen mit ihrer Hilfe den Verlauf des Unglücks wiederherzustellen und dadurch künftige Katastrophen zu vermeiden.

Die Flugzeugspezialisten erkennen die Bedeutung und Bestimmung der Bruchteile. Bei dieser Ausstellung, die meist für in den jüdischen Ritus nicht Eingeweihte bestimmt ist, brauchen die ausgestellten Gegenstände einige Erklärungen. So war der Thoravorhang für Menschen im Gebetssaal fast ständig sichtbar, mit Ausnahme einiger Feiertage, wenn er durch einen weißen ersetzt werden sollte. Die Thoraschilder und die Thora-Krone waren für die Betenden wesentlich seltener sichtbar, am Schabbat und an großen Feiertagen und noch für kurze Zeit bei Morgengebet an Montagen und Donnerstagen, wenn man aus der Thorarolle vorliest. Noch seltener sah man Kidduschbecher, der nur bei gemeinsamen Mahlzeiten zur Heiligung von Schabbat und Feiertage zum Vorschein kam. Silberne Gegenstände haben relativ zahlreich überlebt, da auch die Plünderer wussten, dass sie als Silber wertvoll sind. Papiere und Pergament waren für sie nicht interessant.

Einige Gegenstände, wie Schenkungspapiere oder private Fotos, wie eine Pessakh-Hagada auf billigem Papier aus der Zeit des Ersten Weltkrieges gehörten zu den üblicherweise öffentlich nicht ausgestellten Objekten. Eine Holzlatte mit 31 Öffnungen am Rande erzählt dem Eingeweihten über den wirklichen Schatz dieser Gemeinde. Dort sind Bezeichnungen der 31 (!) Thorarollen, die in dieser Gemeinde waren, zu finden.

Eine Thorarolle soll per Hand von einem sehr gut ausgebildeten Schreiber, „Sojfer“, geschrieben werden und fordert mindestens ein Halbjahr anstrengender Arbeit. Bis heute ist eine neue Thorarolle sehr teuer und bedeutet für eine Gemeinde eine sehr große Freude und ein großes Fest. Und diese Thorarollen, die Gemeindemitglieder für diese Gemeinde im Laufe von 400 Jahren gestiftet haben, war ein sehr großer Gemeindeschatz. Leider sind sie heute verschwunden, geblieben ist nur diese Holzlatte mit ihren Bezeichnungen.

Die Schöpfer dieser Ausstellung haben mit der Auswahl der Gegenstände (viele wurden aus lokalen und Museen aus der ganzen Welt und aus privatem Besitz ausgeliehen), ihrer Anordnung, Beschriftung und Beleuchtung eine Atmosphäre der Spuren der Katastrophe geschaffen. Besucher sollten unbedingt die Begleittexte und Erklärungen lesen.

Als Fazit kann man sagen, dass die Ausstellung gelungen ist und ein Besuch zweifelsohne lohnt. Die Ausstellung ist bis zum 17. Juni geöffnet.

www.jkmas.de

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