»Am Stacheldraht endet alles Philosophieren«

29. Oktober 2018 - 12:37 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben setzte am 16. Oktober seine Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« mit dem Vortrag »Der Holocaust in Jugoslawien« fort.

Das Schicksal jüdischer Menschen in Jugoslawien hing davon ab, wo sie sich aufhielten; denn der jugoslawische Staat wurde nach seiner Kapitulation in viele unterschiedliche Besatzungsgebiete aufgeteilt. Die gegen die Juden ergriffenen Maßnahmen zeigen jedoch gemeinsame Muster und lassen sich in drei Phasen einteilen: Zunächst erfolgte die soziale Isolation, danach wurden sie materiell und schließlich physisch ruiniert.

Frau Dr. Sanela Schmid, Humboldt-Universität Berlin, begann ihren Vortrag mit Serbien, das mit dem an Rumänien grenzenden und einen Sonderstatus besitzenden Banat unter deutscher Herrschaft stand. Juden mussten Armbinden tragen, sich bei der Polizei melden und wurden zur Zwangsarbeit verurteilt. Alle Maßnahmen orientierten sich an den in Deutschland und anderen besetzten Ländern erlassenen Gesetzen und Vorschriften. Mit der Deportation der Banater Jüdinnen und Juden nach Serbien galt das Banat als erste »judenfreie« europäische Region. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 setzten in Serbien bewaffnete Widerstände ein, die ersten Kommunisten und Juden wurden öffentlich gehenkt. Vor dem Winter waren auf diese Weise fast alle jüdischen Männer ermordet worden. Später wurden alle jüdischen Frauen, Kinder und alten Menschen am Belgrader Stadtrand in einem Lager interniert. Die neunzehnjährige Hilda Dajč, eine Lagerinsassin, schrieb dazu: »Am Stacheldraht endet alles Philosophieren.« Ca. 5.000 – 6.000 Menschen wurden in einem Gaswagen ermordet. Die »Judenfrage« und die »Zigeunerfrage« galten in Serbien danach als gelöst.



Das größte Gebiet war der Unabhängige Staat Kroatien, dessen nördlicher Teil zum deutschen Einflussgebiet gehörte. Hier kam die faschistische Ustascha zur Herrschaft. Sie orientierte ihre Verordnungen an den Nürnberger Rassegesetzen und ging sofort gegen Juden, Roma und Serben vor. Das Tragen des »Judensterns« war Pflicht, zunehmend wurde Jüdinnen und Juden ihre Habe genommen und an Ustascha-Funktionäre verteilt. Die physische Vernichtung begann fast zeitgleich in kleineren Lagern, ab August 1941 wurden viele im berüchtigten Lager Jasenovic interniert und ermordet. Vom Sommer 1942 an folgten Transporte nach Auschwitz.

Italien hatte das südliche Slowenien, das südliche Kroatien sowie Inseln und Landstreifen entlang der Adria besetzt. Montenegro und Albanien, das den größten Teil Kosovos erhielt, waren italienisches Protektorat. Die italienische Armee verhielt sich gegenüber Juden wohlwollend. Flüchtlinge wurden zusammengezogen, interniert, aber nicht ausgeliefert. Deshalb flohen einige in die italienischen Besatzungsgebiete. Andere versuchten, den Verfolgungen zu entgehen und zugleich die Besatzer zu bekämpfen, indem sie sich den jugoslawischen Partisanen anschlossen. Diese hegten jedoch auch antisemitische Vorurteile.

Am Ende des Krieges fanden große Prozesse gegen Kollaborateure statt. Es gab auch einige, die jüdischen Menschen geholfen und etliche gerettet hatten. 310 Personen aus Jugoslawien wurden in Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet. In Belgrad wurde ein großes Jüdisches Museum errichtet. Heute sind jüdische Gemeinden im ehemaligen Jugoslawien sehr klein.

Der fünfte Vortrag innerhalb der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« findet am 27. November um 19 Uhr im Festsaal der Synagoge statt. Dr. Sara Berger von der Fondazione Museo della Shoah, Rom spricht zum Thema: »Konflikt und Kollaboration mit dem Achsenpartner: Vom Schutz jüdischer Bürger in den italienisch besetzten Gebieten bis zur Verhaftung der Juden in Italien«.

Referentin Dr. Sanela Schmid (Foto oben: Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben) hat den Beitrag zu Jugoslawien im 14. Band von »Die Verfolgung und Ermordung der Europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland« (VEJ) verfasst.

www.jkmas.de

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