Die Stadt – ein Dschungel »bösartiger, steinerner Konsistenz«

3. März 2019 - 18:49 | Martin Schmidt

Brechtfestival: Einer der bedeutendsten Germanisten im deutschsprachigen Raum, Prof. Dr. Helmuth Kiesel, sprach im Brechthaus über das um 1930 aufbrechende literarische Schisma Land(schafts)dichter gegen Stadtliteraten.

Volle Lounge im Brechthaus: Die Brecht-Forschungsstätte trug mit zwei wissenschaftlichen Vorträgen zum Programm des Brechtfestivals bei. Und implementierte in den Reigen aus Events, Konzerten, Performances und Theaterstücken unter der Überschrift »Literaturwissenschaft für Städtebewohner« klaren Wissenstransfer – der trotz oder gerade wegen seines akademischen hohen und exakten Niveaus nichts an Anschaulichkeit und Unterhaltungswert missen ließ.

Die Vorträge von Prof. Dr. Prof. h.c. Jürgen Hillesheim, dem Leiter der Augsburger Brechtforschungsstelle, und Prof. Dr. Helmuth Kiesel (Heidelberg) geschahen gleichsam zur Feier des just drei Tage vorher in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg eröffneten großen Ausstellungsprojekts »Brecht und die Räterepublik« (1. März bis 31. Mai 2019).

Der 2015 emeritierte Professor Helmuth Kiesel (*1947) – beredt, humorvoll und klar – versuchte zunächst, seinen letzten eigenen Besuch in der Brechtstadt zu rekonsturieren: »Ich selbst war lange nicht Augsburg – ich trau' mich gar nicht zu sagen, wie lange: 50 Jahre ist es her.« Denn: »Der Zug fährt von Heidelberg zwar durch Augsburg, aber fährt dann eben nach München, so ist das halt.« Im Rücken des Referenten schmunzeln die Brecht-Büsten: »Der Zug nach München, … – hab' ich, Bertolt, dazu nicht 'mal was gesagt?« Dennoch, für Kiesel gilt: Augsburg ist eine großartige Stadt, besonders der prächtige Dom und die schönen Gäßchen haben es ihm angetan.

Forschungsschwerpunkt Kiesels, der als einer der bedeutendsten Germanisten im Sprachraum gelten kann, ist die Geschichte der deutschsprachigen Literatur von 1918 bis 1945. Selbst geboren auf einem kleinen Hof im Landkreis Schwäbisch Hall, berichtet er nun beim im Zeichen der Urbanität stehenden Brechtfestival über »Dichter der Landschaft« gegen »Asphaltliteraten« – »Eine Grundsatzdebatte der Jahre um 1930«.

Ausgehend von Brechts in dessen Tagebuch notierten »epochalen Entdeckung, dass eigentlich noch kein Mensch die große Stadt als Dschungel beschrieben« habe, beginnt Kiesel den Vortragsfaden zu spinnen. Brecht spricht von der »Feindseligkeit der großen Stadt, ihre(r) bösartige(n) steinerne(n) Konsistenz, ihre(r) babylonischen Sprachverwirrung«: Ihre Poesie sei, so Brecht, »noch nicht erschaffen«. Wie der Ruf nach einer solchen Poesie ausbricht und in die Literatur des 20. Jahrhunderts hineinzuwüten beginnt, zeichnet Kiesel nach, indem er zum einen die soziokulturelle Großstadtbefindlichkeiten der 1920er beleuchtet, zum anderen einen Blick auf Beispiele der entstehenden Großstadtliteratur wirft.

Eindrücklich und anschaulich sind zunächst Zahlen, auf die Kiesel aufmerksam macht. Um 1870 gab es in Deutschland gerade mal acht Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Infolge der Industrialisierung waren 1910 dann schon 48 Metropolen jener Größenordnung zu zählen. Zwischen 1870 und 1922 hatte sich die Einwohnerzahl Essens nahezu verzehnfacht, Berlin wuchs zwischen 1870 und 1910 von 820.000 Einwohnern auf 2 Millionen an. Die Bildung Großberlins 1920 ließ die Gesamtfläche dreizehn Mal größer werden und die Einwohnerzahl stieg nochmals an, auf pralle 3,9 Millionen. Damit hatte Berlin nach London und New York die drittgrößte Einwohnerzahl der Welt inne, flächenmäßig rangierte die Stadt sogar auf Platz 2, gleich nach Los Angeles. Berlin wurde zum größten Acker, dem geräumigsten Gewächshaus der Großstadtliteratur.

Anhand zahlreicher Texte nahm Kiesel das Publikum, welches ebenfalls mit Blättern mit Textauszügen versorgt war, hinein in literarischer Schilderungen von ersten Begegnungen und Auseinandersetzungen mit dem damals immer präsenter werdenden Phänomen Großstadt. Dabei ging es von Julius Harts »Auf der Fahrt nach Berlin« über Börries von Münchhausen und Karl Henckell bis hin zu Walter Mehrings »Achtung Gleisdreieck!«. Abgearbeitet wird sich dort an dem, was in der Großstadt die neuen Lebenskoordinaten bilden: Simultanität, Zersplitterung der Wahrnehmung, das beziehungslose Nebeneinander der Dinge.

Fruchtbarkeit und Zerstörung
Seinen literarischen Höhepunkt findet der Prozess soziokultureller Reibung am Phänomen Großstadt im bedeutendsten deutschen Großstadtroman, Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz«. Referent Kiesel zeichnet nach, wie sich eben dort der innere Monolog des Protagonisten und die Worte des Erzählers vermischen – die Stadt selbst beginnt zu sprechen, indem ihre Zeichenwelt in die Wortwelten beider eindringt. Mit Georg Heyms »Der Gott der Stadt« bekommt im Expressionismus die Metropole ihr Wesen zugesprochen: als Baal ist sie ein Zwitterwesen aus Fruchtbarkeits- und Zerstörungsgott. Dämonisierung galore: Kiesel konstatiert, dass nicht die Großstadtmenschen konsumieren, sondern es ist die Großstadt, welche die Menschen konsumiert, verschlingt.

Verteidiger der Großstadt, so zeichnet Kiesel nach, ist der in Berlin geborene Philosoph Georg Simmel. Er vollbringt der Urbanität gegenüber eine emanizaptionsgeschichtliche Würdigung: die Großstadt erlaube die Befreiung des Individuums aus dem Griff von Moral, Religion und Politik. Dadurch, so Simmel, dass die Metropole an Geldwirtschaftlichkeit orientiert sei, herrsche Kalkül statt Nachbarschaftlichkeit. Dies führe zu »formaler Gerechtigkeit« – bei freilich »rücksichtsloser Härte«. Dem gegenüber steht Oswald Spengler (»Der Untergang des Abendlandes«), der die Großstadt als Ausdruck und Symbol einer zivilisatorisch verflachten Spätzeit sieht. Der Großstädter sei ein rationalistisch verkümmerter Gehirnmensch, unfähig, kreativ zu sein.

Vor diesem soziokulturellen und philosophischen Hintergrundflimmern entfaltet sich 1926 ein Großstadtdiskurs an der Dichterakademie in Berlin, den Referent Kiesel in seinem Vortrag weiter vorstellt. Wo ist der Ort des genuinen Dichtens? So habe dort die Frage gelautet – und gegenüber standen sich die Provinzialen, die Vertreter des Lands, und die Metropolitanen, darunter die Expressionisten, Dadaisten, Gebrauchslyriker und – Bertolt Brecht. Dieser ist es auch, zu dem Helmuth Kiesel am Ende seines Vortrags zurückkehrt. In Brechts Gedicht »Verwisch' deine Spuren« (aus dem Zyklus »Aus einem Lesebuch für Städtebewohner«) heißt es in Sachen Großstadt, dem anklopfenden Kameraden nicht die Tür zu öffnen, an den eigenen Eltern fremd vorbei zu gehen, die eigenen Spuren zu verwischen. Aufmerksam machte Prof. Dr. Helmuth Kiesel dabei auf Folgendes: Offen bleibe, ob das, was Brecht hier spricht, auch seine eigene Meinung sei – denn, so endet jenes Gedicht in Bezug auf alles vorhergehend Gesagte: »(Das wurde mir gelehrt.)«.

Eine ganze 0,75l-Flasche »Mozartquelle« hatte man Kiesel bereit gestellt – sie blieb im Eifer seines anregenden, informativen und rhethorisch schön zu folgenden Redeflusses ungeöffnet. Frei gesprochenen sein Vortrag, aufmerksam lauschend – und mitlesend – das Publikum jener kleinen Großstadt, der Schwaben-Metropole Augsburg. Im Publikum dabei: Prof. Dr. Klaus Wolf (Uni Augsburg) und der ehemalige Leiter der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Dr. Helmut Gier.

Das Bild zeigt Prof. Dr. Helmuth Kiesel beim Vortrag am Samstag, 2. März, im Brechthaus. | Foto: Martin Schmidt

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