Stadtgeschichte(n)

10. Juni 2020 - 10:48 | Patrick Bellgardt

Mit rund sechs Wochen Corona-bedingter Verspätung wurde die Bayerische Landesausstellung »Stadt befreit. Wittelsbacher Gründerstädte« eröffnet. Die vom Haus der Bayerischen Geschichte organisierte Schau im Wittelsbacher Schloss in Friedberg und im FeuerHaus in Aichach vereint historische Exponate und moderne Multimediatechnik.

Seit Monaten hatten sich die Städte Aichach und Friedberg sowie der Landkreis auf die Bayerische Landesausstellung vorbereitet. In enger Kooperation mit dem Haus der Bayerischen Geschichte wurde das Großprojekt organisiert und ein umfangreiches Rahmenprogramm auf die Beine gestellt. Ende April sollte die Eröffnung samt Festakt über die Bühne gehen. Doch dann kam die Corona-Pandemie – der Start der Ausstellung musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Mitte Mai, die ersten Lockerungen im Kulturbereich waren gerade angelaufen, verkündete Bayerns Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Bernd Sibler einen neuen Termin: Ab dem 10. Juni kann es endlich losgehen. 

Für Besucher der Landesausstellung gilt die Einhaltung der bekannten Hygienebestimmungen wie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, die Einhaltung der Wegführung durch die Ausstellung und des Mindestabstands von eineinhalb Metern zu anderen Personen. Häufig berührte Oberflächen und Gegenstände – Touchscreens, Kopfhörer etc. – werden regelmäßig desinfiziert. Bis zum Aufbau eines Onlinebuchungssystems, der noch im Juni abgeschlossen sein soll, ist der Besuch in Friedberg zunächst nur im Rahmen eines geführten Rundgangs möglich – ohne Aufpreis.

Die Ausstellungsorte – moderner Bau, altehrwürdiges Denkmal

Die ausstellenden Städte haben viel investiert, um die nötige Infrastruktur für die Landesausstellung zu schaffen: In Aichach verwandelte sich ein altes Feuerwehrhaus am Rande der Altstadt zu einer modernen Multifunktionshalle. Der nun als »FeuerHaus« firmierende Bau erinnert mit seiner durch Gerüstkonstruktionen geschmückten Fassade an eine mittelalterliche Stadt: Mauer und Tor, Fachwerkhäuser und Kirchtürme weisen prominent auf das bestimmende Thema hin. Im Inneren soll die Halle einen Parcours immer neuer Raumeindrücke bieten.

Der zweite Ausstellungsort, das Wittelsbacher Schloss in Friedberg, war erst im Herbst 2018 nach umfassender Sanierung wiedereröffnet worden. Die Baumaßnahmen der Stadt fokussierten sich zuletzt unter anderem auf den Schlosspark: Wege und Treppen wurden saniert, verbreitert oder völlig neu angelegt, der Weiher und die Anpflanzungen umgestaltet, Sichtachsen verbessert, Sitzmöglichkeiten und ein moderner Abenteuerspielplatz installiert. In den kommenden Monaten glänzt der Park zudem als Schauplatz einer Skulpturenausstellung regionaler Künstler. Das leerstehende »Trinkl-Anwesen« vis-à-vis des Schlosses wurde aus- und umgebaut und dient nun als Besucherzentrum mit Empfangsbereich, Kasse, Shop und Information.

Stadtgeschichte gestern und heute – über 150 Exponate

Im Wittelsbacher Land, wo der Aufstieg der Kurfürsten- und Königsfamilie der Wittelsbacher ihren Anfang nahm, erzählt die Bayerische Landesausstellung, wie und wann Bayern zum Städteland wurde. Mit der gezielten Gründung und Förderung von Städten und Märkten wurde wirtschaftliche, militärische und politische Macht gefestigt. Für die Menschen bot dies neue Chancen: Sicherheit der Person, Schutz des Eigentums, Freiheit des Handels. Es galt der Rechtssatz »Stadtluft macht frei«. Gleichzeitig spannen die Ausstellungsmacher den Bogen in die Gegenwart: Wo und wie leben wir heute?

Im FeuerHaus in Aichach stehen multimediale Inszenierungen im Fokus. Hier erfahren die Besucher Stadtgeschichten aus dem Mittelalter vor allem virtuell und können diese mit der heutigen Lebenswelt in Bezug setzen. Beleuchtet werden Zukunftsvisionen von gestern, heute und morgen. Zum Start des Rundgangs verbinden sich unter dem Titel »Von der Burg zur Stadt« Real- und Zeichentrickfilm. Ein besonderes Erlebnis bietet ein Projekt der TU München: Auf einem filmischen 3D-Rundflug durch die Residenzstadt München kann das 16. Jahrhundert aus einer ungewöhnlichen Perspektive erlebt werden. Vorlage hierfür stand das Holzmodell des Straubinger Drechslermeisters Jakob Sandtner, das im Original im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen ist.

Acht historische Räume des Wittelsbacher Schlosses in Friedberg, selbst eine Attraktion für sich, bieten den Rahmen für zahlreiche Originalexponate. Leihgaben aus deutschen Sammlungen werden ebenso zu sehen sein wie  temporäre Importe aus sechs europäischen Ländern. Die Ausstellung beleuchtet die Gründungsgeschichte der altbayerischen Städte zur Zeit der frühen Wittelsbacher, die Entwicklung dieser Kommunen im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit bis hin zur napoleonischen Zeitenwende nach 1800. Die Architektur der Ausstellungsräume wird thematisch eingebunden: Der imposante Festsaal des Schlosses mit seinem offenen Dachstuhl lenkt den Blick nach oben – passend also zum Spätmittelalter, der Zeit, in der die Städte in die Höhe wuchsen.

Mit dem Radl zu den Wittelsbachern

Wer den Besuch der Landesausstellung mit einem sportlichen Ausflug an der frischen Luft verbinden möchte, dürfte sich freuen: Eigens zur Schau wurde vom Landkreis eine Radtour konzipiert und ausgeschildert. »Auf den Spuren der Wittelsbacher Städte- und Märktegründer« führt die 55 Kilometer lange Route über Orte, die von den Wittelsbachern gegründet wurden: Aichach, Kühbach, Inchenhofen, Aindling, Friedberg.

Daneben gibt es zwischen Aichach und Friedberg eine schnelle Direktverbindung, die auf 20 Kilometern über bereits vorhandene Routen der »Paartaltour« und des »Altbaierischen Oxenweges« führt. In Kooperation mit der LEW wird an beiden Ausstellungsorten ein kostenloser E-Bike-Verleih angeboten.

Öffnungszeiten, Tickets, Service

Die Ausstellungsorte sind vom 10. Juni bis 8. November täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Aufgrund der Regel »eine Person auf 20 Quadratmeter« sind Wartezeiten zu Stoßzeiten nicht ausgeschlossen.

Die Kombikarte berechtigt zum Besuch der Landesausstellung in Aichach und Friedberg, der Dauerausstellung des Museums im Wittelsbacher Schloss Friedberg sowie des Stadtmuseums und des Wittelsbacher Museums Aichach. Für die Kombikarte zahlen Erwachsene 12 Euro, ermäßigt (Gruppen ab 15 Personen, Behinderte, Senioren ab 65 Jahren, Studenten) 9 Euro, Familien 24 Euro, Kinder und Jugendliche von 6 bis 18 Jahren 2 Euro, Schulklassen pro Schüler 1 Euro.

Audioguides gibt es in Deutsch, Englisch und in Leichter Sprache. Die Landesausstellung ist barrierefrei zugänglich. Für hörgeschädigte Besucher stehen Induktionsschleifen für den Audioguide zur Verfügung. Für sehbehinderte, taube und blinde Besucher gibt es verschiedene Angebote in der Ausstellung.

Die Bayerische Regiobahn verkehrt halbstündlich zwischen Augsburg, Friedberg und Aichach — zur Landesausstellung auch an den Wochenenden und Feiertagen. Gegen Vorlage eines tagesaktuellen ÖPNV-Tickets erhalten Sie ermäßigten Eintritt in die Landesausstellung.

Aktuelle Infos rund um die Bayerische Landesausstellung und zum Rahmenprogramm lesen Sie unter:
www.hdbg.de/stadt-befreit
www.wittelsbacherland.de

Thema:

Weitere Positionen

29. November 2020 - 6:02 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die Mitwirkung freiberuflicher Künstler*innen in Gottesdiensten ist mehr als eine »Notlösung«. Die Angebote, die von einigen Kirchen gemacht werden, unterstützen regionale Musiker*innen und bieten in dieser – coronabedingt besonders staden – Vorweihnachtszeit eine gute Möglichkeit, klassische Musik live zu genießen.

27. November 2020 - 11:29 | Patrick Bellgardt

Als Vorstand des BBK Schwaben Nord und Augsburg e.V. ist Norbert Kiening einer der wichtigsten Ansprechpartner für Künstler*innen in unserer Region. Die Große Schwäbische Kunstausstellung betreut er als Organisator und Jurymitglied. Ein Interview

26. November 2020 - 10:53 | Jürgen Kannler

Der Teil-Lockdown geht verschärft in die Verlängerung. Die Stimmung bei den Kulturmacher*innen sinkt in den Keller. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

24. November 2020 - 15:33 | Jürgen Kannler

Die Politik behandelt Kulturschaffende wie lästige Verwandtschaft, die sich aushalten lässt. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

20. November 2020 - 10:40 | Martin Schmidt

Während der Corona-Pandemie gewinnen Stadthallen in der Region eine neue Bedeutung: Ihre Größe und Kapazität erlaubt ein hohes Besuchervolumen bei Einhaltung der notwendigen Distanzregeln. Ein Blick auf die Hallenkultur.

16. November 2020 - 15:48 | Gast

Der Kunstführer »Universität Augsburg. Kunst am Campus.« wurde anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Universität in diesem Jahr neu aufgelegt.

13. November 2020 - 9:18 | Martin Schmidt

»Dämonenräumdienst«, der neue Gedichtband von Büchner-Preisträger Marcel Beyer

10. November 2020 - 13:07 | Jürgen Kannler

50 Jahre Universität Augsburg – Präsidentin Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel im Gespräch mit a3kultur-Herausgeber Jürgen Kannler

7. November 2020 - 10:47 | Renate Baumiller-Guggenberger

Eine »Rote Liste 2.0« des Deutschen Kulturrats zählt die durch Corona bedrohten Kulturprojekte auf. Der Bayerischen Kammerphilharmonie mit Sitz in Augsburg wird die »Kategorie 2« attestiert: »gefährdet«. Auch in Augsburg beteiligten sich Kulturschaffende an der Online-Aktion #sangundklanglos. Ein Kommentar

7. November 2020 - 8:27 | Gudrun Glock

a3regional-Buchtipp: »Apfelküche« von Madeleine und Florian Ankner