Starke Frauen treffen Gangster

8. Februar 2020 - 7:42 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im Februar mit »Bombshell« und »The Gentleman«

Liebe Leser*innen, da ich Sie zum Jahresbeginn mit einer kleinen Vorschau auf das Kinojahr 2020 vertrösten musste, steigen wir nun umso direkter in die Filmreviews für den Februar ein. Wie stark die Frauen aus der Überschrift tatsächlich sind, ob besagte Gangster etwas draufhaben und was Sie sonst noch im Kino sehen können, erfahren Sie wie immer hier:

Roger Ailes (John Lithgow), Gründer und ehemaliger Leiter des US-Nachrichtensenders Fox News, ist wohl der Archetyp des von Sophie Passmann in Deutschland geprägten Begriffs des »alten weißen Mannes«. Eben weiß, reich und extrem privilegiert erzeugt er durch seine Machtposition im Sender ein toxisches Arbeitsklima für die weiblichen Angestellten. Als Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman) ihn wegen jahrelanger sexueller Nötigung zur Rechenschaft ziehen will, melden sich immer mehr Frauen wie Journalistin Megyn Kelly (Charlize Theron) und die neu hinzugekommene Produzentin Kayla Pospisil (Margot Robbie), die unter Ailes’ Verhalten zu leiden haben. Es entbrennt ein Kampf gegen die patriarchalen Strukturen des Senders, bei dem neben der Gerechtigkeit auch die Karriere und das Privatleben der betroffenen Frauen auf dem Spiel stehen.

So wie Roger Ailes ein Archetyp für den alten weißen Mann ist, könnte man nun denken, dass Regisseur Jay Roach die Hollywood-Fantasie einer archetypischen »Me too«-Geschichte inszeniert hat. Leider ist dem nicht so: »Bombshell« (13. Februar, Kinodreieck, Liliom) fußt auf den wahren Begebenheiten des Rechtsstreits von Gretchen Carlson und den Protesten gegen Ailes. Einzig die Figur Kayla Pospisil ist nicht real, sondern eine Verkörperung von Schicksalen mehrerer betroffener Frauen. Zwar wäre es nun ein Leichtes, sich über das Ende des Falls bereits im Internet zu informieren, doch das macht den Film nicht weniger sehenswert. Das Ensemble gibt einen intensiv gespielten, einfühlsamen und authentischen – sofern mir diese Beurteilung als jungem weißen Mann möglich ist – Einblick in die erschütternden Machenschaften eines Medienkonzerns der sich unter Roger Ailes dem Verkauf von Sex, Wahrheit und sich selbst auf Kosten seiner Mitarbeiter, vor allem seiner weiblichen, verschrieben hat.

Mit »The Gentleman« (27. Februar, CinemaxX, Kinodreieck) meldet sich Guy Ritchie nach elf Jahren mit einem neuen Gangsterfilm wieder zurück. Der Amerikaner Mickey Pearson (Matthew McConaughey) hat in London ein hochprofitables Marihuana-Unternehmen aufgebaut. Als sich herumspricht, dass er sein Geschäft aufgeben und sich auszahlen lassen will, versuchen einige Konkorrenten, darunter der reiche Matthew Berger (Jeremy Strong), Triadenboss Lord George (Tom Wu), der verrückten Dry Eye (Henry Golding) sowie der gierige Ermittler Fletcher (Hugh Grant), sich das Millionengeschäft unter den Nagel zu reißen. Vor allem Mickeys rechte Hand Ray (Charlie Hunnam) hat plötzlich alle Hände voll zu tun. Getragen wird »The Gentleman« hauptsächlich vom starbesetzten Ensemble – Ritchie ist es leider nicht gelungen, daraus einen wirklich modernen Gangsterfilm zu machen. Es ist eher eine immerhin herrlich komische, nostalgische Erinnerung an seine Klassiker wie »Snatch« (2000) oder »Bube, Dame, König, grAS« (1998). Wem diese Filme gefallen haben, wird hier aber definitiv auch seinen Spaß haben.

Foto: Megyn Kelly (Charlize Theron) versucht in »Bombshell« ihren Chef Roger Ailes (John Lithgow) zur Strecke zu bringen.

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