Steppdecken und moderne Kunst

25. Mai 2020 - 12:56 | Iacov Grinberg

Die neue Ausstellung in tim »Amish Quilts meet Modern Art« stellt historische Amish Quilts (Steppdecken) und Werke der zeitgenössischen Kunst nebeneinander und zeigt dabei deren faszinierende Beziehung zueinander.

Diese Schau gibt Kunstwissenschaftlern die Möglichkeit, Themen von großer Aktualität wie zum Beispiel Ordnung und Chaos, Gemeinschaft und Individualität, Innen und Außen zu betrachten. Ein prächtiger Katalog zu dieser Ausstellung enthält viele wissenschaftliche Beiträge darüber.

Für mich, mit einem oft komplizierten und ambivalenten Verhältnis zu moderner Kunst, sieht das Ausgestellte anders. Auf der einen Seite sind Werke der modernen Kunst mit dem proklamierten Recht auf »freie künstlerische Selbstdarstellung«, auf der anderen Erzeugnisse von Kunsthandwerkern einer strengen, fast fundamentalistisch religiösen Gruppe. Gebrauchsgegenstände, Steppdecken, eine Verzierung ihrer Oberfläche dient dem Bedürfnis, das Leben schöner zu machen.

Diese Verzierung unterlag strengen Vorschriften. Wissenschaftler behaupten, dass die Amischen sich bei der Verzierung von Unterwäsche oder den Rückseiten von Steppdecken auch andere, wesentlich freiere Motive erlaubten. Die Oberfläche zeigt nur Kombinationen und Anordnungen von Streifen, Rechtecken, Quadraten und Dreiecken von verschiedenen Farben, nur in einer Steppdecke gibt es kreisförmige Teile. Im Volkskunsthandwerk fast aller Völker sind tierische und pflanzliche Motiven präsent. Aber das erste Gebot verbietet eine »... Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde machen«. So sollte man in Verzierungen amischer Handwerker keine Abbildungen von Menschen oder Tieren erwarten, pflanzliche Motive in Form von Blättern sind sehr stark reduziert. Bei all diesen Begrenzungen sind die ausgestellten Quilts sehr schön anzuschauen.

Hochkarätige Leistungen bei starken äußeren Begrenzungen sind nicht einzigartig. Wir wissen, dass in der DDR die Kunst von Buchillustrationen auf einem hohen Niveau war – da nämlich diese Kunstrichtung erlaubt (und bezahlt!) war. In der ehemaligen UdSSR gab es sowohl hervorragende mathematische und physikalische Wissenschaftsschulen als auch zahlreiche sehr gute Interpreten der klassischen Musik. Grund dafür war, dass diese Tätigkeitsbereiche zu den wenigen erlaubten zählten, die schöpferische Energie floss dorthin. Bei den ausgestellten Steppdecken sollte man noch in Betracht ziehen, dass nur die besten Erzeugnisse den Zahn der Zeit überlebt haben.

Die einfach aussehenden Muster aus harmonisch angeordneten Reihenfolgen von Streifen verschiedener Farben, parallelen »Treppen« aus Quadraten, symmetrischen Rechtecken usw. sind auch für viele heutige Betrachter schön. Nicht umsonst nehmen Menschen ganz unbewusst symmetrische Gebilde als schön wahr und der Goldene Schnitt tritt in Bildern und Skulpturen aller Zeiten auf.

Auf der anderen Seite stehen die ausgewählten Werke der modernen Kunst. Ich habe den Katalog einigen Bekannten gezeigt. Hier waren die Meinungen verschieden. Zum Beispiel schätzen alle die Fotografie von Felix Weinold »Parkplatz Long Island/2014« als hervorragend und ihre Gegenüberstellung zur Steppdecke »Lone Star/ca.1935« als verständlich, seine Fotografie »Jesolo/2020« nur als »interessant«, ihr Bezug zu der Steppdecke »Center Diamond/ca.1900« als nachvollziehbar. Die beiden »Sex-a-gons VII und IX« von Winfred Gaul bezeichneten meine Bekannten als »einfach« und »zu flach«, als weniger spannend als die Steppdecken »Floating Diamond/ca. 1900« und »Sawtooth-Diamond/ca.1910«. Die Videoinstallation von Rose Stach »Resistance« auf einem Orientteppich und »Duschraum Nr. 42« von Hans Peter Reuter schienen für sie ansprechend zu sein, »Die Metamorphose der vergangenen Zukunft in der Gegenwart« von Charly-Ann Gobdak jedoch »unverständlich«.

Ob die Parallelen und Beziehungen zwischen den historischen Arbeiten und der modernen Kunst zu erkennen sind – das überlasse ich Ihnen, liebe Leser*innen. »Amish Quilts meet Modern Art« ist bis 25. Oktober 2020 zu sehen.

www.timbayern.de

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