Der Stoff, aus dem (nicht nur) die Träume sind

16. Oktober 2019 - 14:30 | Bettina Kohlen

Es geht schon los, bevor es los geht: Im Foyer schiebt einer in Latzhosen muffig seinen Besen herum. Vorgeschichten und verschiedene Ebenen verbinden sich in André Bückers Inszenierung von Shakespeares »Der Sturm« zu einem sehenswerten Ganzen.

Prospero war mal Herzog von Mailand, bevor sein Bruder Antonio nach der Krone griff und ihn mitsamt der kleinen Tochter Miranda in ein Boot packte und die beiden dem Meer überließ. Doch sie konnten sich auf eine Insel retten und richteten sich dort ein. Zwei Wesen, auf die Prospero dort traf, machte er sich zu seinen Ersatz-Untertanen: Caliban, den er sprechen lehrte und Ariel, ein Fluid-luzider Geist, der für seine Dienste mit zu erwartender Freiheit belohnt werden soll. Soweit das, was zuvor geschah …

Prospero, zwar Ex-Herzog, aber mit der Macht der Zauberei gesegnet, nutzt nun eine günstige Gelegenheit, seinen Widersacher samt Entourage, die alle zusammen per Schiff unterwegs sind, mit Hilfe eines herbeigezauberten Sturmes auf seiner Insel stranden zu lassen. Die vereinzelt über die Insel irrenden Schiffbrüchigen erleben so manche Merkwürdigkeiten und Zauberhaftes – inszeniert von Prospero und Ariel, seinem Assistenten und mehr-oder-weniger-Freigeist.

Und so kommen wir zur zweiten Ebene des Ganzen. Denn Prospero ist ein schlecht gelaunter Regisseur, der auf der Probe die Figuren, respektive ihre auch mal mauligen Darsteller*innen und die Assistent*innen, nach seiner Regiepfeife tanzen lässt. Klappt aber nicht immer. Und die Rahmenbedingungen sind ein wenig widrig, denn man muss sich mit einer Baustelle schlimmster Sorte (Bühne: Jan Steigert) arrangieren (Kaffee gibts auch keinen).

In diesem Vexierbild, diesem wunderlichen Spiel mit Wirklichkeiten aller Art, verändern sich laufend die Konstellationen, bis sich schließlich doch alles irgendwie fügt: Die Brüder vertragen sich und Miranda wird mit dem Thronerben Ferdinand verheiratet. Liebe gibt es aber auch, und am Ende lässt Prospero es gut sein und gibt seinen bis dato zäh verteidigten Machtanspruch auf.

Das Ensemble spielt mit Lust auf, immer wieder funkelt es, da für die Akteur*innen Raum bleibt: Katja Sieder gibt die Herzogstochter und Regieassistentin Miranda, die ihre Reize ausprobiert, aber auch Missbrauchsopfer ist. Ihr Pendant Ferdinand (Sebastian Baumgart) macht zunächst viel Wind, muss dann aber Zementsäcke schleppen. Der berufsmäßige Spaßmacher Trinculo (die sehr präsente Natalie Hünig) schießt auch gerne mal quer – mal sehen was so passiert. Caliban (Gerald Fiedler), der als Hausmeister mit Spielverpflichtung die Bühne fegt, ist ein Wesen von großer Gewalt, dessen er sich aber nicht unbedingt bewusst ist.

Andrej Kaminsky läuft zu großer Form auf, Ariel versprüht seinen Geist in Wort und Bewegung, ist, gekleidet in wechselnde abenteuerlich-zauberhafte Gewänder (Kostüme: Suse Tobisch), mal hier mal dort, überall und immer. Dennoch: Überragend ist Klaus Müller, die Doppelrolle des Prospero, diesem eher unangenehmen, irgendwie doch weisen Machttyp, ist seine Rolle. Applaus.

So wie die Bühnenfiguren keineswegs eindeutig agieren, so ist auch das Spiel nicht eindeutig. André Bücker lässt uns Zuschauer*innen hier hinter die Kulissen blicken. Das kommt an. Wenn das Theater sich selbst auf die Bühne bringt und so Realitäten relativiert, ist das immer eine feine Sache, die dem Publikum Einblicke in den theatralen Alltag gewährt. Wenn da nicht die Gewissheit wäre, das auch dies eben Theater ist … Sehr wunderlich, sehr sehenswert!

www.staatstheater-augsburg.de/der_sturm

Foto, von links: Klaus Müller und Patrick Rupar, © Jan-Pieter Fuhr

 

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