Strahlwirkung der Kunst wird verkannt

28. November 2015 - 8:35 | Jürgen Kannler

Als BBK-Chef ist Norbert Kiening einer der wichtigsten Ansprechpartner der Künstler in unserer Region. Ein Interview von Jürgen Kannler

a3kultur: Wie würden Sie die Arbeitssituation Ihrer Kollegen beschreiben? 

Norbert Kiening: Die Situation unserer Künstler ist geprägt von dem Bemühen, die eigene Arbeit voranzutreiben, dies mit aktiver Beteiligung an den vielen angebotenen und zumeist unterfinanzierten Ausstellungsangeboten kundzutun und auf eine Anerkennung für ihr Werk zu hoffen. Da dies zumeist keinen Lebensunterhalt ermöglicht, ist es unerlässlich, über Kursangebote oder grafische Dienstleistungen und andere Nebenjobs einen Zusatzverdienst zu generieren.

Eine generalisierende Beschreibung der Arbeitssituation von Künstlern in unserer Region kann ich jedoch nicht anbieten, dazu sind die Ansätze und Erwartungen unserer bildenden Künstler zu verschieden. Neben dem Künstler, der sich selbst mit seiner Arbeit im Atelier genug ist, gibt es auch eine große Zahl von Kollegen, die die Öffentlichkeit auf dem Weg über eine Ausstellung suchen. Gerade die Zeit vor Weihnachten beweist dies mit einer großen Anzahl von Atelierveranstaltungen und verschiedensten Ausstellungen. Einen Hinweis gibt uns die hohe Beteiligung an der Ausstellung »Beste Kunst!«, die der BBK aktuell für seine Mitglieder in der BBK-Galerie im Abraxas veranstaltet, 75 Werke von 75 Ausstellern werden gezeigt, das ist immerhin ein Viertel der Mitglieder unseres Verbands.

Leider spiegeln die Verkaufszahlen das große Engagement der Kolleginnen und Kollegen nicht wider. Öffentliche Ankäufe sind in der bildenden Kunst fast durchgängig weggebrochen. Dies lässt sich zum Beispiel durch langjährige Erhebungen im Rahmen der Großen Schwäbischen Kunstausstellung belegen, so betragen die Verkäufe im jährlichen Durchschnitt von 1990 bis 1995 30.000 Euro, von 2009 bis 2014 7.000 Euro. In diesen Zahlen sind private Ankäufe enthalten, die aber zumeist nur einen Bruchteil der Summe ausmachen, mit Ausnahme der letztjährigen 66. Großen Schwäbischen, wo wir keine öffentlichen Ankäufe verzeichnen konnten, wenn man von der Auslobung des ersten Kunstpreises der Stadt Augsburg absieht. Nach meinen Informationen ist praktisch kein Ankaufsetat für zeitgenössische Kunst bei den städtischen Sammlungen angesiedelt, so können noch nicht einmal Ankäufe von verdienten Augsburger Künstlern wie zum Beispiel dem kürzlich verstorbenen Jan Prein, dem wir eine beachtliche Gedenkausstellung mit Katalog widmeten, getätigt werden.

Sie beklagen zuweilen mangelnden Respekt vonseiten der Politik gegenüber den Künstlern. Was könnte Ihrer Ansicht nach besser laufen?

Die Politik ist mit vielen Forderungen aus der Gesellschaft konfrontiert. Uns Künstlern ist klar, dass im Konzert der vielfältigen Ansprüche an eine Gesellschaft die bildende Kunst nicht immer die erste Geige spielen kann. Die Gesellschaft braucht Gegenentwürfe und die bildende Kunst ist in der Lage, Fragen zu formulieren, Statements zu geben. Sei es in zeitgenössischen Kunstausstellungen oder in zu realisierenden Aufträgen bei Kunst am Bau.

Leider ist die Politik beispielsweise bei entsprechenden Bauaufgaben nicht bereit, dem Kulturauftrag, Kunst-am-Bau-Wettbewerbe auszuloben, adäquat nachzukommen. Die Strahlwirkung der Kunst in die Gesellschaft hinein wird verkannt. Das ist schade. Der gerne an die Kunst gestellten Forderung, Ausstellungen mit Events und Acts zu bereichern, um die Attraktivität zu steigern und hohe Besucherzahlen zu generieren, folgen im Gegenzug keine Ankäufe.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihren elf Teilbereichen gehört zu den wirklich boomenden Branchen, nicht zuletzt in Bayern. Das schwächste Glied in diesem Bereich sind die bildenden Künstler. Nur die wenigsten von ihnen können von ihrer Arbeit leben und sind dennoch maßgeblich an der Gestaltung eines kreativen Nährbodens beteiligt, auf dem dann wirtschaftlich potentere Zweige wie Gamedesigner oder Werbeunternehmen gut gedeihen. Leiten Sie daraus eine besondere Position für Ihre Mitglieder ab?

Die Tatsache, dass bildende Künstler so wenig von einem wirtschaftlichen Boom profitieren, ist einer Kunstarbeit geschuldet, die ihre Erfüllung nicht dienend, sondern gesellschaftskritisch versteht. Darum benötigt die bildende Kunst Schutzräume, aber auch Möglichkeiten zur Entwicklung in einer Gesellschaft, für die sie Gegenwelten eröffnet. Die Kunst wirkt in das gesellschaftliche Leben, und dieser positive, erfüllende Aspekt braucht Würdigung, materiell und ideell.

Sie selbst suchten und fanden immer wieder auch als Kreativdienstleister ein Zusatzauskommen und teilen dieses Schicksal mit zahllosen, auch ganz großen Namen der Kunstgeschichte. Was ist eigentlich falsch daran, gleichzeitig als Künstler und beispielsweise Briefträger zu arbeiten, um über die Runden zu kommen?

Diese Diskussion, die letztlich in die oft gestellte Frage mündet, ob man von seiner Kunst leben könne, ist meines Erachtens in der Hilflosigkeit vieler Rezipienten vor den künstlerischen Werken begründet und eine Krücke zur Einschätzung der Qualität der Kunstwerke. Überdies ist das eine sehr deutsche Diskussion und spielt etwa im angelsächsischen Raum, wie ich bei meinen Aufenthalten dort feststellen konnte, kaum eine Rolle.

Ich bin überzeugt, dass vielfältige Lebenserfahrung immer förderlich ist für die Qualität des künstlerischen Ausdrucks, und es ehrt den zielstrebigen Kunstschaffenden, wenn er seine Kunst nicht finanziellem Erfolg unterordnet.

Ende November startet die 67. Große Schwäbische Kunstausstellung im H2 und im Schaezlerpalais. Sie gehören bei dieser Schau auch zum Kreis der Jury. Ist das nicht eine seltsame Aufgabe, über die Arbeit von Kollegen zu befinden?

Das ist eine Frage des Standpunkts. In der Juryarbeit ist es das zentrale Anliegen des Gremiums, aus den angebotenen Arbeiten diejenigen auszuwählen, die für eine Ausstellung eine Bereicherung darstellen. Insofern empfindet das Gremium nicht über Einzelarbeiten und beurteilt nicht die Qualität der Arbeit einzelner Künstler, sondern arbeitet auf das Ziel einer gemeinsamen Präsentation hin. Ich stelle nicht in Abrede, dass dieser Prozess für die Urheber der abgelehnten Werke durchaus schmerzhaft ist, für mich persönlich ist das übrigens nicht anders.

Jedes unserer Mitglieder kann sich in unsere Jurykommission wählen lassen, wir brauchen Kollegen, die diese Arbeit objektiv und gut machen, außerdem ist ein Blick hinter die Kulissen für Künstler aufschlussreich und offenbart die ernsthafte objektive Arbeit im Sinne der Ausstellung, die dort geleistet wird.

Im letzten Jahr forderten Sie im Rahmen der Eröffnungsfeier der Großen Schwäbischen einen adäquaten und dauerhaften Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst im Herzen von Augsburg. Welche Chancen räumen Sie, ganz ehrlich, der Umsetzung dieser Förderung ein?

Eigentlich sollte man vermuten, dass die Chancen sehr gering sind, da die Stadt zurzeit ihre finanziellen Möglichkeiten ausschöpft und innerstädtisch kaum geeignete Objekte vorhanden sind. Wenn man aber daran denkt, dass in Kulturbauten investiert wird, ist es doch naheliegend, im Sinne der Vernetzung und des vorhandenen Wunschs nach einer Öffnung des Theaters dort eine Galerie oder, um es einmal allgemeiner zu formulieren, ein Fenster für wechselnde Präsentationen der bildenden Kunst zu integrieren, neben der Forderung, dass »Kunst am Bau« bei einem so zentralen Kulturbau ein Muss ist.

Nun schon zum dritten Mal zeigen die Künstler des BBK in Augsburg und Schwaben vom 28. November bis 10. Januar ihre Werke im Schaezlerpalais und in den Kabinetträumen des H2. Die von den Berufsverbänden Bildender Künstler Schwaben Süd sowie Schwaben Nord und Augsburg ausgerichtete Ausstellung gibt einen Überblick über das schwäbische Kunstschaffen der letzten zwei Jahre.  www.kunst-aus-schwaben.de

Norbert Kiening, geboren 1959 in Dachau, arbeitet seit 1989 als freischaffender Künstler in Augsburg. Zu seinen Arbeitsgebieten zählen Zeichnung, Malerei, Skulptur, Druckgrafik und Kunst am Bau. Seit 2005 ist er Vorstand im Präsidium des Berufsverbands Bildender Künstler Schwaben Nord und Augsburg und wirkt im Landesvorstand des BBK Bayern mit. Zurzeit sind Kienings Werke im Kongress am Park zu sehen. Dort präsentiert er auf Einladung der Gesellschaft für Gegenwartskunst e.V. Gemälde aus den letzten Jahren. Bis zum 10. Januar zeigt er zudem neue Zeichnungen im Rahmen einer GfG-Studioausstellung im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast. www.norbert-kiening.de

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