Strapaziöser Machttrip mit Teddy-König

2. Juni 2015 - 9:25 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere von Giuseppe Verdis Oper Macbeth am Theater Augsburg

Während Verdis Oper als musikalisch komplexes und anspruchsvolles Seelendrama in Anlehnung an Shakespeares Libretto-Vorlage im Schottland des 11. Jahrhunderts spielt, buchte Regisseur Lorenzo Fioroni sein krankhaft Machtbesessenes Ehepaar Macbeth im »Hotel Patria« ein, das schon bessere Zeiten erlebt hat. Der Königsmord und die in der Konsequenz zum Thronerhalt nötigen Gräueltaten wurden so im Jetztzeit-Irgendwo eines krisenerschütterten und Diktatur-gebeutelten Kriegsgebietes verortet. Ein mittig platzierter Baum im Wechsel der Jahreszeiten sollte dabei die Spanne zwischen Aufstieg und Fall der Herrschaft symbolisieren. Der stumme König Duncan, der als rosa Riesenteddy samt SpongeBob-Gefolgschaft im düsteren Hotelareal einmarschierte, lief denn auch im kuscheligen Doppelbett, auf dem sich das auch sexuell ambitionierte Ehepaar Macbeth ausgetobt hatte, ins Meuchelmördermesser.

Die leider irritierend platt bebilderte und damit bewusst zur gnadenlosen Groteske getrimmte Lesart, für die sich Lorenzo Fioroni mit seinem Produktionsteam (Bühne: Ralf Käselau; Kostüme: Annette Braun) entschieden hatten, verärgerte das Premierenpublikum, das bereits zur Pause eine für Augsburger Verhältnisse gewaltige Buh-Salve abfeuerte.

Mit seinem Faible für die grelle Überzeichnung, die sich später im Heroin-Schuss des zumindest stimmlich nicht an seine Grenzen gekommenen Macbeth (Matias Tosi beeindruckte trotz angesagter Indisposition!) konsequent fortsetzte, Nikolaus-Maskerade und finalen Skelett-Knabbereien der Hexen nicht aussparte, schoss die Regie übers Ziel hinaus. Bei allem Verständnis für die gewünschte Aktualitäts-Botschaft strapazierte die Inszenierung die Geschmacksnerven und die Glaubwürdigkeit der Figuren, lenkte mit fast permanentem szenischem Overkill unnötig vom dramatischen Spannungsbogen und der bezwingenden Atmosphäre in Verdis Werk über korrumpierenden Machtrausch und den Verlust des Humanen ab.

Bis zum Schlussapplaus beruhigten sich die Zuschauer-Gemüter, nicht zuletzt dank der überzeugenden Leistung des Orchesters unter der Leitung von Lancelot Fuhry, der die Balance zwischen Graben, Solisten und Chor auffallend souverän managte. Bleibenden Eindruck hinterließen neben Sally du Randt, die facettenreich Willkür und Wollust der Macht auskostete und im Trinklied zum perfekten Täuschungsmanöver abhob, insbesondere Ji-Woon Kim mit mutig-tenoralem Glanz in der Rolle des Macduff und natürlich der »verhexte« und etwas albern bewegte Opernchor.

Weitere Termine am 4., 7., 10.6. und 14. Juni

www.theater-augsburg.de

Weitere Positionen

21. September 2018 - 9:20 | Renate Baumiller-Guggenberger

Den Menschen Leopold Mozart erlebbar machen: schöne Aussichten rund ums Jubiläumsjahr 2019.

19. September 2018 - 8:14 | Gast

Der vielfach ausgezeichnete Buchillustrator Quint Buchholz kommt im September nach Augsburg. Ein Interview

14. September 2018 - 17:29 | Martin Schmidt

In Augsburg findet der 75. Deutsche Pfarrer- und Pfarrerinnentag statt. Das Tagungsthema: »Religion und Gewalt«. Organisator ist der in Augsburg ansässige Pfarrverein Bayern. Öffentlicher Vortrag am Dienstag, 18. September, mit Hauptreferent Heribert Prantl.

14. September 2018 - 11:24 | Jürgen Kannler

Der Förder- und Freundeskreis tim e.V. hat eine Stiftung auf den Weg gebracht.

13. September 2018 - 11:13 | Dieter Ferdinand

In diesem Jahr begeht der Assyrische Mesopotamien Verein Augsburg das Jubiläum seines 40-jährigen Bestehens

11. September 2018 - 13:58 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die Augsburger Domsingknaben locken am letzten September-Wochenende zu ihrem Festival nach Günzburg. Ein Interview mit Domkapellmeister Reinhard Kammler

7. September 2018 - 14:51 | Gast

Staatstheater, Fuggermusical und Leitbildprozess: Intendant André Bücker im Gespräch mit Iris Steiner über sein erstes Jahr am Theater Augsburg

6. September 2018 - 10:10 | Thomas Ferstl

Wer noch nicht weiß, wie, wo und/oder wofür er sich engagieren soll, der kann sich diesen Monat im Kino inspirieren lassen. Projektor, die a3kultur-Filmkolumne

5. September 2018 - 10:03 | Gast

Der slowenische Künstler Miha Štrukelj gastierte als Artist in Residence des Vereins Hoher Weg für einige Wochen in Augsburg.

2. September 2018 - 14:34 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »No intention« (dtsch. »Keine Absicht«) im tim zeigt Arbeiten des aus Japan stammenden Künstlers Koho Mori-Newton.