Festival

Stresstest mit Brecht

Renate Baumille...
25. Februar 2020

Glück gehabt! Dank sehr zeitiger Ankunft auf dem Festivalgelände konnte ich meine Herzenswunsch-Agenda »abarbeiten« und im Laufe des Abends beim Anstehen mal richtig nett mit offenherzigen Brechtfans plaudern, die trotz diverser Deeskalationsanläufe u.a. von Jürgen Kuttner (»Mensch Leute, ihr habt das Spektakel-Prinzip nicht kapiert!«) eher empört als ergötzt waren.

Um exakt 18 Uhr also schaute ich Charly Hübners biografisch und persönlich eingefärbten, in der West-Ost-FDJ-Sache echt komplizierten, in Summe irgendwie chaotischen und unfreiwillig »doch recht melancholisch gewordenen« (O-Ton Hübner) Interpretationsversuch des 1951 von Brecht mit Dessau geschriebenen »Herrnburger Bericht« (auch der natürlich abstrus genug!) an. Dann durfte ich nach einem flotten Rundgang um mehrere Hausecken um exakt 19:20 Uhr den grandiosen Milan Peschel (Foto: Christian Menkel) und den ihm ebenbürtigen Musiker und Frontman Johann Jürgens erleben, die raffiniert »BRECHT BÖSE« zelebrierten und dafür »Baal«-Passagen mit »Fatzer«-Sätzen samt Kommunismus verzahnten, nicht ohne nebenbei unter Blutkapsel- und Faust-Einsatz das Bühneninventar der Staatstheater-Musiktheaterbühne (vermutlich ungeplant) zu demontieren. Eine geistreich konzipierte Brecht-Zweimann-Show, die mit hohem Entertainment-Faktor daran erinnerte, dass »die bösesten Geister die Menschen am meisten nach vorn gebracht haben«.

Dann erwischte ich im hintersten Treppenfoyer-Bereich einen Platz, um Martin Wuttke zu lauschen, der seit 20 Uhr den in weit über 20 Punkte gegliederten »Schnittchenkauf«-Text von René Pollesch – entstanden 2011/12 als Replik auf Brechts »Messingkauf – Übungsstücke für Schauspieler« – ins Mikro sprach. Darin fachsimpelte er über die fiesen Probleme, die sich mit einer Materialisierung der berühmten »vierten Wand« auftäten. Diese hochgradig anstrengend klingenden Theatertheoreme bescherten dem Publikum heißrauchende Köpfe, die man mittels schnell zu erhaltendem Bier auch schnell wieder kühlen konnte, um dann flugs Teil der dichtgedrängten Menge zu werden, die keinesfalls den für 22 Uhr geplanten Einlass in die große Halle und damit zu Lars Eidinger aufs Spiel setzen wollte.

Soviel Ausdauer für Brecht … da musste Eidinger (nicht zuletzt als Protagonist de »Dreigroschenfilms« jüngst zu Brecht-Ehren gekommen) doch schon einiges bieten, um diese Geduldsprobe wettzumachen. Immerhin ward im Programmtext ein »radikal funkelndes Gesamtkunstwerk« vollmundig verkündet worden. Präsentiert wurde dann in gewöhnungsbedürftiger, bisweilen rotzig-unverfrorener bis (w)irrer Stegreifparty-Manier voller Versprecher und Umblättermanöver, teils gelesen, teils mit coolem Bass intoniert, eine feine Auswahl der köstlich kraftvollen Psalmen, Gedichte und Lieder (u.a. Orges Antwort, als ihm ein geseifter Strick geschickt wurde), die das erneute Durchblättern von Brechts »Hauspostille« empfehlen. Schwer zu sagen, ob das nun genial war oder daneben, diese extrem lässig zwischen originell und obszön pendelnde Tonart à la Eidinger, die er und sein fabelhafter, kreativer und stets verlässlicher Mitstreiter Hans-Jörn Brandenburg an Orgel und Klavier anschlugen – oder einfach »genial daneben«? Irgendwo dazwischen lauert wohl die Wahrheit um das aktuelle Spektakel-Konzept, die an diesem dichten Abend im martini-Park jeder für sich selber suchen und finden musste.

www.brechtfestival.de

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