Ein Stück des Mutes

27. Juni 2018 - 8:22 | Julian Stech

Am 30. Juni feiert das Theater Augsburg die Uraufführung des Fugger-Musicals »Herz aus Gold« auf der Freilichtbühne am Roten Tor. Wenige Wochen zuvor war beim Produktionsteam eine große Vorfreude zu spüren auf ein Stück, »bei dem das Proben erst am Tag der Premiere beendet ist«.

»So ein Projekt erfordert eine Menge Mut. Endlich hat diesen jemand bewiesen.« Die Worte des Augsburger Tourismusdirektors Götz Beck wehen wie die sanfte Brise einer Laudatio in Richtung André Bücker. Der Intendant hatte zur Pressekonferenz für das diesjährige Freilichtbühnenstück »Herz aus Gold« in den martini-Park geladen. Das Theater Augsburg widmet sich diesen Sommer mit einer Neuproduktion einem ihrer geschichtsträchtigsten Söhne und schlägt somit nach Jahren der verlässlichen, relativ risikofreien Musicalklassiker am Roten Tor einen neuen Weg ein, um, wie es Bücker bereits in der a3kultur-Ausgabe vom Mai ankündigte, »Duftmarken zu setzen, neue Perspektiven zu beleuchten und Experimente zu wagen«. Diese Wege hin zu einer Identitätsüberschneidung zwischen Bühne und Stadt erfreuen dann natürlich einen Tourismusdirektor, verfließen hier doch Stadt- und Weltgeschichte mit Gegenwartskunst. Welch hervorragende Voraussetzungen für erfolgreiche Tourismuskampagnen. Doch wie gut sind die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Endprodukt?

Bei der Pressekonferenz blickt man auf die Bühne und sieht dort Profis ihres Fachs sitzen, große Namen der deutschen Musicallandschaft sitzen: Regisseur und Schauspieler Holger Hauer, Komponist Stephan Kanyar, Texter Andreas Hillger sowie die Musicalstars Roberta Valentini (Sibylla) und Chris Murray (Jakob Fugger) teilen sich das Wort mit André Bücker, dem Choreografen Ricardo Fernando, dem musikalischen Leiter GMD Domonkos Héja und dem Bühnenbildner Karel Spanhak. Bei allen Beteiligten sind Leidenschaft, Vorfreude und eine positive Aufregung zu spüren. Auch die Chemie zwischen diesen Charakteren scheint zu stimmen. Als Chris Murray eine Hörprobe des Titelstücks solo präsentiert, sind beim Stab zuversichtliches Schmunzeln und bei den Pressevertretern große Augen zu erkennen. Bücker hat offensichtlich nichts dem Zufall überlassen und bis hierhin ein glückliches Händchen in Bezug auf das Personal bewiesen. Doch wie verlief überhaupt der Prozess zwischen der Idee für das Stück und der Pressekonferenz wenige Wochen vor der Uraufführung?

»Die Idee haben André Bücker und ich gemeinsam entwickelt, als klar war, dass er als Intendant nach Augsburg gehen würde. Auf der Suche nach einem geeigneten Stoff für die Freilichtbühne am Roten Tor sind wir schnell auf Jakob Fugger gekommen. Dann hat die Geschichte freilich noch einige Häutungen erfahren – auch im Dialog mit Stephan Kanyar und später in der Arbeit mit dem Regisseur Holger Hauer«, erzählt mir Texter Andreas Hillger. Auf viel Lesestoff über die historischen Fakten, die über Jakob Fugger bekannt sind, und seine bereits vorhandenen Kenntnisse über das 15. und 16. Jahrhundert (allerdings mehr aus der Perspektive von Martin Luther) folgte eine Art Wechselspiel zwischen Hillger und Kanyar. Die beiden haben bereits bei dem erfolgreichen Musical »Casanova« für das Anhaltische Theater Dessau zusammengearbeitet. »Bei uns ist der Arbeitsprozess immer eine Art Pingpongspiel – ich schicke einen Text, Stephan erfindet eine Melodie und fügt metrische Korrekturen ein, die er für seine Ideen braucht. So entstehen oft mehrere Fassungen, bis Wort und Musik perfekt zueinander passen«, erklärt Hillger. Nach circa eineinhalb Jahren stand die erste Fassung, das Fundament, auf dem seit Beginn der Miteinbeziehung von Regisseur Holger Hauer ein Stück kreiert wird, das den Lebensweg Fuggers musicaldienlich nachzeichnet und den Besucher der Freilichtbühne am Roten Tor noch etwas weiter mit in die Vergangenheit nimmt, als es bei »Hair«, »Blues Brothers« oder »Cabaret« in den letzten Jahren der Fall war.

»Musicaldienlich« bedeutet in diesem Fall, dass ein Stück entstanden ist, dass sich inhaltlich »am Rande der Realität« bewegt. »Natürlich haben wir keinen Abend über doppelte Buchführung gestaltet«, witzelt Hillger, und Kanyar betont, dass es »die großen Emotionen großer Personen« sind, die den Antrieb dazu leisten, unterhaltungswirksam dargestellt zu werden. Doch war Jakob Fugger ein emotionaler Mensch?

Historische Quellen über den Charakter Fuggers sind mehr als rar. Doch wie auch immer er gewesen sein mag: Chris Murray haucht seiner Rolle als Jakob Fugger Emotionen ein, die es schaffen sollen, dem Publikum den Menschen und nicht den Finanzier und Erzkatholiken Jakob Fugger näherzubringen. »Ich habe mich in der Vorbereitung für das Stück viel mit Fugger beschäftigt. Nun sehe ich ihn als den interessantesten Menschen der Zeit um 1500. Er war einerseits ein unglaublich mächtiger Mann, der wie kein anderer die Anfänge des Kapitalismus repräsentiert, und gleichzeitig jemand, der stets ein soziales Gewissen hatte, wovon beispielsweise die Fuggerei noch heute zeugt«, sagt Murray. Der in Berlin lebende US-Amerikaner erscheint im privaten Gespräch lässig und humorvoll, aber dennoch ernsthaft hinter seinen Aussagen stehend. Der strenge, zielgerichtete Blick auf den Werbeplakaten für »Herz aus Gold« erscheint somit nur ansatzweise gespielt. So ist das, wenn erfolgreiche Schauspieler erfolgreiche Personen darstellen: Selfmademan spielt Selfmademan. Das funktioniert fast immer.

Doch sind es natürlich nicht nur die Schauspieler und Sänger, die das »Herz aus Gold« zum Glänzen bringen können. Mit Karel Spanhak hat das Theater Augsburg einen Bühnenbildner für sich gewinnen können, dessen herausragende Arbeiten seit Jahrzehnten europaweit bekannt sind. »Beim Thema Fugger lag natürlich ein Stichwort sofort auf der Hand: Geld. Dieses sollte so gut wie möglich auf der Bühne sichtbar gemacht werden. Problematisch wurde es für mich, die sehr umfangreiche Spielstätte in kleine und große Räume zu unterteilen. Ein Wechselspiel zwischen dem Büro Fuggers und den großen Flächen dient hierzu als hoffentlich gelungene Abhilfe«, erklärt Spanhak.

Die Freilichtbühne am Roten Tor in Augsburg als größte Freilichtbühne Süddeutschlands ist für jeden Regisseur, der dort inszeniert, eine Herausforderung. 65 Darsteller plus Orchester stehen Regisseur und Darsteller Holger Hauer zur Verfügung, um diese Bühne lebendig zu gestalten. Als spartenübergreifende Produktion sind sowohl das Ballettensemble als auch der Chor und natürlich das Orchester des Theater Augsburg mit von der Partie. Außerdem sind acht Sängerinnen und Sänger der kooperierenden Theaterakademie August Everding als Gäste engagiert, die ihr Nachwuchstalent beweisen und ihre jungen Stimmen mit auf die Bühne bringen. »Wir möchten Geschichte erlebbar machen und bei so einer Neuproduktion, die viel Teamwork erfordert, ist das Proben erst am Tag der Premiere fertig«, gibt Hauer zu verstehen. Trotz dieser Unbeständigkeit der Produktionsvorbereitungen durch nachträglich beschlossene Ergänzungen, Streichungen oder Änderungen wirkt die Stimmung keineswegs getrübt. Im Gegenteil: Der musikalische Leiter Domonkos Héja rühmt Stephan Kanyar als herausragenden Komponisten, während Kanyar die Flexibilität Héjas und seines Orchesters in Bezug auf kurzfristige Änderungen oder Neukompositionen lobt.

Diese Darstellung soll keineswegs den Eindruck erzwungener Harmonie erwecken, sondern die Freude aller Beteiligten am unschuldigen Spiel mit der Entwicklung eines Abenteuers beschreiben. Der erste Sommer eines Lebens ist schließlich unvergleichlich spannender als alle darauf folgenden. Bei meinem Probenbesuch während gleichzeitig das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet, werde ich Zeuge des Stückauftakts, der ersten vorsichtigen Gesten und Tanzschritte von Chor und Ballettensemble, der ersten Dialoge von Murray als Jakob Fugger und seinen Mitspielern und der fokussierten Arbeitsweise von Hauer und Fernando. Genau wie an die deutsche Nationalmannschaft sind in dieses Projekt hohe Erwartungen gesetzt. Sollte das Wetter für des Theater Augsburg mitspielen, wird einzig und allein der Jubel des Publikums beim Premierenabend am 30. Juni und bei den weiteren 20 Vorstellungen über den Erfolg dieser Neuproduktion entscheiden. »Es ist ein Geschenk an den Ort Augsburg. Ein volles Haus ist zwar wichtig, aber hierbei zweitrangig. Was zählt, ist, dass wir den Menschen eine große Show mit viel Unterhaltung bieten«, sagt André Bücker.

Meinen Eindrücken nach stehen die Chancen sehr gut, dass das Endspiel mit einem Sieg für das »Herz aus Gold« endet. Sollte dies so sein, so hat die Stadt Augsburg nicht nur erstmalig ein eigenes, professionelles, identitätsstiftendes Musical, sondern in der Zukunft auch die Möglichkeit, ihre Geschichte bei Gastspielen auf weiteren Musicalbühnen des Landes zu präsentieren. »Augsburg, Augsburg, du herrliche Stadt« – so lauten die ersten Zeilen des Fugger-Musicals. Wird auch ein herrliches Spektakel ab dem 30. Juni zwischen den alten Mauern des Roten Tors zu erleben sein? Ich bin zuversichtlich.

www.theater-augsburg.de/herz_aus_gold

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