Symphonie der Wende

11. September 2015 - 9:59 | Sarvara Urunova

Das musikalische Programm des Theaters Augsburg überrascht in der neuen Saison mit einem Richtungswechsel.

Über die neuen Einflüsse in den Sparten Musiktheater und Konzert sprach Sarvara Urunova von der a3kultur-Klassik-Redaktion mit Georg Heckel, dem geschäftsführenden Leiter des Musiktheaters und stellvertretenden Intendanten.

Am Stadttheater verbinden die Augsburger Philharmoniker als Hauptprotagonisten Symphonie und Musiktheater. Das Orchester feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Jubiläum mit vielen Überraschungen, charakterisiert auch durch neue Impulse und Entwicklungen. Dies ist vor allem mit dem Eintritt des neuen Generalmusikdirektors Domonkos Héja zu erklären. Der in Budapest geborene Dirigent wird ab dem 1. September die Leitung der Augsburger Philharmoniker übernehmen. Ein Blick ins Programmheft der Saison 2015/16 offenbart einen deutlichen Umschwung in der musikalischen Werkauswahl. Der größte Teil der Stücke ist zur vorletzten Jahrhundertwende im Kontext der bahnbrechenden Moderne entstanden.

Nach Georg Heckels Meinung reifen Individualität und Identität eines Orchesters mit jedem Dirigenten aufs Neue. Unter einer konstanten Orchesterleitung kann sich demnach im Laufe der Jahre eine spezifische Klangarchitektur entfalten. In diesem ersten Jahr mit Héja werden stark energieaufgeladene Klänge und die romantisch fantastischen Nuancierungen geübt und akzentuiert.

Schon bei der ersten Premiere des Musiktheaters kommen mit der ursprünglich unvollendeten Oper »Der König Kandaules« von Alexander Zemlinsky (1871–1942) neue Töne für unsere Region zur Entfaltung. In diesem Bekenntniswerk verbindet der Komponist biografische und zeitgeschichtliche Hintergründe in einer substanziellen, spezifischen Tonsprache, die sich den damals vorherrschenden ästhetischen Vorstellungen widersetzt. Die Oper, die auf André Gides Drama »Le Roi Candaule« basiert, schrieb Zemlinsky im amerikanischen Exil. Wegen der Nacktszenen im zweiten Akt, die beim amerikanischen Publikum auf Unverständnis gestoßen wären, gab er auf Rat seiner Freunde die Arbeit am Werk jedoch auf. Erst am 6. Oktober 1996 wurde die Oper mit großem Erfolg an der Hamburger Staatsoper uraufgeführt. Dem englischen Musikwissenschaftler Antony Beaumont gelang es durch profunde Forschungen nicht nur, den Lebens- und Leidensweg des Komponisten in einer Biografie zu rekonstruieren, sondern auch seine letzte Oper zu vollenden. Zemlinsky, der auf der ewigen Suche nach Anerkennung und nach einem »ultramodernen« Klang im Schatten seiner großen Wiener Zeitgenossen wie Mahler oder Schönberg komponierte, erfuhr so erst nach seinem Tod den ersehnten Ruhm. Für Georg Heckel gehört die Aufführung dieser Oper zu einem der wichtigsten Momente der neuen Saison. Zur Premiere am 27. September wird Antony Beaumont in Augsburg erwartet.

Neben der Opéra fantastique »Hoffmanns Erzählungen« von Jacques Offenbach, Emmerich Kálmáns »Die Csárdásfürstin« und der Opera buffa »Der Liebestrank« von Gaetano Donizetti verspricht die Oper »Lady Macbeth von Mzensk« von Dimitri D. Schostakowitsch (1906–1975) zu einem ganz besonderen Erlebnis zu werden. Die skandalträchtige Geschichte um eine aus Liebe tötende Mörderin, Katerina Ismailowa, wurde zur Zeit ihrer Entstehung trotz des großen Erfolgs beim Publikum zensiert und unter Verschluss gehalten. Unter dem Druck der Regierung verzichtete Schostakowitsch in der Zweitfassung von 1963 auf mehrere provokante Teile der Orchesterstücke, so zum Beispiel beim Liebesakt zwischen Katerina und ihrem Geliebten Sergej, wo die orgiastische Steigerung mit voller Wucht geschildert wird. Auch in der Textfassung wurden die obszönen Schimpfworttiraden und das sexuelle Vokabular drastisch gekürzt. Erst 1979 brachte der sowjetische Cellist Mstislaw Rostropowitsch die Urfassung des Werkes wieder ans Licht, die seitdem aus dem Repertoire der großen Weltbühnen nicht mehr wegzudenken ist. In Augsburg kommt die Oper in der Originalfassung zur Aufführung, die in der deutschen Übersetzung vorliegt, wie Georg Heckel in diesem Zusammenhang betont.

Das sinfonische Programm setzt mit Werken von Bruckner, Mahler, Hindemith und Schostakowitsch die revolutionäre Umbruchsdynamik des Musiktheaters fort. Das erste Konzert der Saison steht ganz im Zeichen des 150. Orchesterjubiläums. Neben Werken von Beethoven und Bruckner wird eine Auftragskomposition zu diesem Anlass von Hans-Jürgen von Bose uraufgeführt. Bei diesem »Fest-Spiel« kommt das Leitmotiv der neuen Spielzeit am deutlichsten zum Ausdruck, indem der Prozess des Neubeginns künstlerisch auf zeitlich parallelen Ebenen zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen simultan dargestellt wird. Auch im letzten Konzert der Saison entsteht die Zukunft aus der alten Tradition. Die Werke von Wagner, Liszt und Beethoven werden neben einem neuen Orchesterwerk aufgeführt, das im Rahmen eines Kompositionswettbewerbs eigens zum Orchesterjubiläum geschaffen und, so Heckel, von einer hochkarätig besetzten Jury ausgewählt wird.
Wider Erwarten wird die neue Theatersaison in der Mozartstadt ohne große Mozartinszenierungen auskommen müssen. Mit dem Einzug des unkonventionellen Geistes in Gestalt des neuen Generalmusikdirektors vollzieht sich womöglich auf elegante Art und Weise eine kleine Revolution.

Alle Veranstaltungstermine des Musiktheaters und der Sinfoniekonzerte der Saison 2015/16 finden Sie unter: www.theater-augsburg.de

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Foto: Frauke Wichmann

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