Systemkritik

25. Januar 2015 - 12:46 | Jürgen Kannler

Mit dem Thema Exil trifft Brechtfestivalmacher Joachim Lang 2015 den Nerv der Zeit. Dennoch sind die Querelen um seine Person mehr Gegenstand der öffentlichen Diskussion als der Inhalt seines Programms.

Ich treffe Joachim Lang zwei Wochen vor Festivalstart. Seine Stimmung war schon besser. Er kommt gerade aus dem Rathaus. Statt zu erzählen, macht er erst einmal dicke Backen und lässt langsam, wie ein Ballon, Luft ab. Der Oberbürgermeister wollte heute eine Entscheidung von Lang, ob er 2016 nach sechs Festivaljahren auch für ein letztes zur Verfügung stehen wird. Kurt Gribl hat dieses Angebot des Stadtrats mitgetragen. Wohl wissend, dass sein parteiloser Kulturreferent andere Pläne hat. Welche genau, dazu schweigt Thomas Weitzel. Nun bleibt Lang dem OB die Antwort vorerst schuldig. Gribl möchte es vermeiden, in diesem Gezerre beschädigt zu werden, und warnt Lang davor, nicht auf das Angebot einzugehen. Für Einlassungen dieser Art hat der Brechtfachmann und Fernsehprofi heute Abend nur noch ein müdes Lächeln übrig. Seine Forderung waren drei weitere Jahre. »Ich würde, wenn überhaupt, eher mir selber als der Sache schaden, wenn ich das Angebot annehmen und noch ein Festival gegen den Willen der Spitze der Augsburger Kulturpolitik machen würde.« Sein Verhältnis zu Thomas Weitzel gilt zumindest als verfahren. Gute Besucherzahlen sprechen für Lang und auch einige einflussreiche Politiker und ein breites Bündnis der freien Szenen stehen hinter ihm. Ihnen war er in der Vergangenheit ein verlässlicher Partner. Doch Lang hat auch Gegner mit nicht öffentlich gemachten Konzepten und unterschiedlichsten Motiven. Einige von ihnen versuchten sogar, den harmlosen Bert Brecht Kreis in einer Art Handstreich zu übernehmen. Doch nicht einmal dieses Unternehmen gelang ihnen. Der Kreis wird nach wie vor von Langs Programmpartner, dem Brechtkenner Michael Friedrichs, geführt. Vieles erinnert im Augenblick an die Zeit, als Albert Ostermaier, der Vorgänger Langs als Leiter des Festivals, öffentlich demontiert wurde. Auch sein Vertragsende wurde von Hinterzimmerdiplomatie und Respektlosigkeiten begleitet. Die Folgen waren eine politisch herbeigeführte Zäsur in Sachen Brecht und eine Wiederbelebung der Strukturen ohne klare Konzepte und finanzielle Sicherheiten. Eine Spiegelung der Geschichte hält Lang durchaus für möglich. 

Schon vor Monaten brachte ein Beitrag der a3kultur-Redaktion einen möglichen Kompromiss ins Spiel. Lang verlängert um ein Jahr und bringt seine Reihe mit dem Thema Brecht in der DDR zum Abschluss. Die Zeit bis zum Festival 2017 nutzt das Kulturreferat, um ein tragfähiges, zukunftsweisendes und gesichertes Konzept zum Thema auszuarbeiten. Thomas Weitzel selber skizzierte mehrfach grob die Module einer möglichen Neukonzeption. Sie beinhalten neben dem Festival auch Themen wie Brechthaus, Literaturpreis und Theater. Nicht zuletzt die Schließung des Stadttheaters ab Sommer 2016 auf unbestimmte Zeit spielt diesem Lösungsansatz in die Hand. Auch Joachim Lang ist prinzipiell bereit, diese Neuausrichtung des Themas Brecht in Augsburg zu unterstützen.

Im Augenblick jedoch raten ihm enge Vertraute fürs Erste einmal dazu, sein Engagement in Augsburg zu beenden. »Belastung und Aufwand stehen nicht in dem Verhältnis zum Ergebnis, wie ich mir das wünsche.« Und er meint damit nicht das Honorar von rund 40.000 Euro, die er sich pro Festival mit seinem wissenschaftlichen Berater Jan Knopf teilt***. Lang gehört zu den erfolgreichsten Fernsehmachern in Europa und kann auch ohne Zahlungen aus Augsburg gut leben. Für sein Göbbelsprojekt mit einem Etat von fünf Millionen Euro werden gerade die Hauptrollen gecastet. Und auch ohne Festival in Augsburg wird er seinem Herzensthema Brecht treu bleiben. Die Verhandlungen mit den Rechteinhabern für einen für den internationalen Markt angelegten Film stehen vor dem Abschluss. »Es geht um einen Theatererfolg, der in den späten 20er-Jahren von Berlin aus um die Welt ging. Da steckt viel Musik drin.« Mehr möchte Lang vorerst zu dem mit neun Millionen Euro veranschlagten Projekt nicht sagen. 

Bei all den Querelen kommt »Exil«, Langs Thema für 2015, in der öffentlichen Diskussion zu kurz, und das, obwohl damit der Nerv der Zeit so deutlich getroffen wird wie niemals zuvor bei einem Brechtfestival. »Die Gewissheit, dass der Augsburger Bertolt Brecht das Ende des Kriegs niemals erlebt hätte ohne die Gastfreundschaft der Länder, die im nach 1933 Asyl boten, sollte die Willkommenskultur nicht nur hier prägen.« Joachim Lang geht die Geschichte natürlich von Brechts Werk her an. Er spricht von der Angst als ständigem Begleiter, trotz der geglückten Flucht. Er erzählt von der Zeit in Finnland, als die Visa zur Weiterreise in die USA noch nicht gesichert und plötzlich Kriegsschiffe mit gehisster Hakenkreuzfahne von Brechts Veranda aus zu sehen waren. »Schock und Panik waren die Folge.« Die Weiterreise nach Russland erschien ihm als zu risikoreich. Wohl zu Recht, zahlreiche deutschsprachige Künstler fanden im Moskauer Exil nur den Tod. Darunter Carola Neher, die 1930 Brechts Premiere von »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« in der Titelrolle mit zum Erfolg führte – das Stück, mit dem sich das Theater Augsburg in diesem Jahr am Festival beteiligt. Auch in dieser Zusammenarbeit, lässt Lang erkennen, sieht er Möglichkeiten zur Optimierung.

Das Misstrauen gegen die deutschen Kolonnen um Walter Ulbricht, die erst in Moskau und dann in Ostberlin in Stalins Sinn das Sagen hatten, da ist sich Lang sicher, verlor Brecht bis zu seinem Tod nie. Deshalb wohl auch ein österreichischer Pass für ihn und seine Frau Helene Weigel, die 1950 eilig während der Salzburger Festspiele besorgt wurden, und einige Konten bei internationalen Banken. »Dieses stete Gefühl der Unsicherheit und Heimatlosigkeit, des Sich-absichern-Müssens nach allen Seiten, das alles sind Konsequenzen der im Exil gesammelten Erfahrungen, die natürlich auch in vollem Umfang in sein Werk eingeflossen sind.« Aus diesem Grund hat Lang die Inszenierung von »Mutter Courage und ihre Kinder« des Berliner Ensembles für zwei Abende ans Stadttheater nach Augsburg geladen. »Das 1939 im schwedischen Exil entstandene Stück ist ein weltweit verstandenes Statement gegen Krieg und eine universelle Verteidigung aller, die aus diesem Unglück kommend versuchen, ihr Glück an einem anderen Ort zu finden.« Diese gefeierte Inszenierung von Claus Peymann ans Große Haus zu holen, gehört vielleicht zu den letzten Coups von Joachim Lang für das Brechtfestival in Augsburg.

Das Thema Exil ist nicht nur vom chronologischen Aufbau seiner Festivalreihe her für Lang in diesem Jahr logisch. Es liegt ihm am Herzen. Bei unserem Treffen zitiert es Brecht Gedicht »Über die Bezeichnung Emigranten« von 1937 frei: »Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: / Emigranten. / Das heißt doch Auswanderer. Aber wir / Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss / Wählend ein anderes Land. Wanderten wir doch auch nicht / Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer / Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte. / Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm.«

Das Gedicht ist auch im Programmheft zum Festival zu finden. Der Text eröffnet die Seiten des Programmteils »Exil heute«. Neben politischen Diskussionen bietet dieser vor allem eine Auswahl an Exilautoren, die während des Festivals ihre Texte in verschiedenen Asylen der Stadt lesen. Es ist auch dieser Spannungsbogen von Welttheater bis zu den ganz leisen Tönen, die diese Festivalreihe zu etwas Besonderem macht. Ob es 2016 einen Anschluss geben wird, werden wir wohl bald erfahren.

*** 2. Dezember 2015, Prof. Dr. Jan Knopf legt Wert auf folgende Richtigstellung:
Die Behauptung, dass sich Joachim Lang das Honorar von rund 40.000 Euro pro Festival mit seinem wissenschaftlichen Berater Jan Knopf teilt, ist unrichtig. Lang hat zwar einen Vertrag mit der Stadt Augsburg, nach dem er zur Honorierung des wissenschaftlichen/dramaturgischen Beraters verpflichtet ist. Tatsächlich aber teilt er sein Honorar nicht mit Knopf, sondern zahlt ihm lediglich ein Honorar/eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 1.500 Euro pro Festival (außer 2013).

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